Unter den Ländern des politisch erodierenden Ostblocks hält Ungarn, was die touristische Anteilnahme anlangt, einen vorderen Rang. Dies ist sonderbar. Außer einer schön situierten, doch ziemlich traditionsarmen Hauptstadt und einem ebenso großen wie flachen und zudem rettungslos überlaufenen Binnengewässer sind die topographischen Angebote des Landes eher Mittelmaß. Es gibt attraktivere Landschaften und schönere Städte auch in Osteuropa. Dennoch fahren die Leute nach Ungarn zuhauf. Das Land besitzt sein positives Image aus Reformpolitik, Lebensfreude und Operettenseligkeit. Es sei ihm zu gönnen.

Gleich sechs deutsche Reiseführer mit dem Erscheinungsjahr 1990 dienen sich als Hilfe an. Einer, die Autorin heißt Bronja Weierstahl („Ungarn“; Schroeder Verlag, München 1990; 34,– DM), gliedert das Land in touristische Routen und Besichtigungswege. Wer jemals nach diesem Grundmuster hat reisen wollen, weiß schmerzlich genau, daß selbst die genaueste Beschreibung vor Irrwegen nicht schützt, und die beigegebenen Innenstadtpläne sind meistens so grob, daß sie den Erwerb einer Karte nicht ersetzen. Jene in Weierstahls Buch sind besonders lieblos gemacht.

Eine Klassifizierung der Objekte nach Art des grünen Guide Michelin, die hier sonst wohl das Vorbild war, findet nicht statt. Dafür gibt es Einleitungskapitel zu Land, Leuten, Kultur und Geschichte. „Ungarisch ist mit keiner anderen europäischen Sprache verwandt“, steht da und ist falsch: Die linguistische Verwandschaft des Ungarischen mit anderen europäischen Sprachen betrifft das Finnische, das Estnische, die Sprache der Lappen und mehrere Minderheitsdialekte im nordöstlichen Sowjetrußland. Zur jüngeren Geschichte heißt es: „Im Oktober 1956 kommt es zu einem Volksaufstand gegen die Räkosi-Regierung. János Kádár tritt als Ministerpräsident an die Spitze des Landes.“ Blödsinniger hat man es selten gelesen, und wie sehr man danach den übrigen Auskünften des dicken Buches vertrauen darf, stehe dahin.

Wogegen dem wesentlich dünneren Reiseführer von Klaus Schameitat zu bestätigen ist, daß er nicht über seine Verhältnisse lebt („Nützliche Reisetips von A-Z Ungarn“; Hayit Verlag, Köln 1990; 9,80 DM). Er liefert alphabetisch geordnete Stichworte, dies können Städte sein wie auch allgemeine Hinweise, und so geschieht, daß auf „Väc“ „Verkehr“ folgt und auf „Versicherung“ „Veszprem“. Manche Leute mag das verwirren. Unterm Stichwort „Budapest“ wird entschieden zu summarisch vorgegangen, auch was die Unterkünfte betrifft.

Gleichfalls nach Stichworten geordnet, freilich nicht alphabetisch, sondern nach Regionen, ist der „Urlaubsberater Ungarn“ mit, im Untertitel, der albernen Dreieinigkeit „Puszta, Csárdas, Paprika“ (Robert Pfützner Verlag, München 1990; 11,80 DM). Der Inhalt kommt wesentlich ordentlicher. Die Informationen sind knapp und korrekt, der Druck ist gut. Wäre noch ein kleiner Hotelführer beigefügt, ließe sich das Büchlein guten Gewissens empfehlen.

Unterm Stichwort „Geschichte“ werden bei Schameitat die ungarischen Radikalfaschisten, Ferenc Szálasis Pfeilkreuzler, ordentlich angeführt, was selbst sehr viel umfangreichere Darstellungen gerne unterschlagen. Die Veröffentlichung der Herausgeber Droste, Schemmer und Schwamm tut dies auch nicht („Ungarn. Ein Reisebuch“; Ellert & Richter, Hamburg 1990; 29,80 DM). Es will außer einem Handbuch mit Serviceteil noch eine literarische Fibel sein. Es druckt belletristische Texte über Ungarn, solche von Ausländern, wie Enzensberger und Fühmann, solche von Ungarn, unter denen allerdings keine einzige international bekannte Stimme ist.

Das meiste schreiben die Herausgeber selbst. Insgesamt entstand eine Anthologie von Texten zu einzelnen Themen: Sprache, Dorf, verschiedene Städte, Kulinarisches. Der Stil ist gehobenes Reisefeuilleton, bei unerfüllter Sehnsucht nach dem kulturkritischen Essay, erschöpfende Auskünfte dürfen nicht erwartet werden. Wer sich über Budapester Kaffeehäuser äußert und einem grundsätzlichen Vergleich mit der übrigen altösterreichischen Kaffeehauswelt ausweicht, kann nur schüttere Weisheiten mitteilen.