Etwa sechs Millionen umfaßt die Auflage der Reiseführer, die von rund hundertfünfzig kleinen und großen Verlagen jedes Jahr produziert werden. Zwei Eckpfeiler markieren das Feld: der schmale Polyglott (7,80 Mark), der mit knappster Information eher den Pauschalreisenden anspricht, und der aufwendige DuMont (39,80 Mark) für den, der an Kunst und Kultur interessiert ist. Dazwischen liegt eine schier unübersehbare Menge von Reisebucharten einschließlich der Bändchen für die Rucksack- und Alternativreisenden und der großen Bildbände.

Bis vor kurzem boomte der Reisebuchmarkt, dann aber erlebte er im Laufe des Golfkrieges eine Flaute. Der Reisebuchmarkt hängt extrem eng mit dem Urlaubsverhalten zusammen. So ging einige Wochen lang bei der Türkei „nichts mehr“, genausowenig wie bei den nordafrikanischen Ländern und Ägypten. Ungebrochen dagegen ist der Trend zu fernen, exotischen Zielen. War es letztes Jahr die Dominikanische Republik, die von den Verlegern „entdeckt“ wurde, zeichnet sich nun ein Interesse für die kleinen Inseln der Karibik ab. Auch im Osten Europas tut sich ein riesiger neuer Markt auf. Gefragt sind Reiseführer über die UdSSR, Polen, ja sogar Albanien. Letztes Jahr verzeichneten beispielsweise Bücher über die Tschechoslowakei einen neuen Rekord.

Trotz des Booms der vergangenen Jahre sind die Verlage nicht zufrieden: Das Gros der Urlauber verlangt nach wie vor recht selten Ferienfachliteratur. Zwar stieg die Zahl der Urlauber, die zum Reisebuch griffen, 1989 auf über fünf Millionen, doch gemessen an 32,6 Millionen Reisenden ist diese Zahl nach wie vor bescheiden. Gabriele Hefele, Sprecherin eines Münchner Groß Verlages: „Eigentlich kann man gar nicht ruhig schlafen bei der Masse der Urlauber, die keine Reiselektüre kaufen.“

Solange Sonne, Strand und Ausspannen bei den meisten Urlaubern im Vordergrund stehen, werden nach Ansicht der Buchproduzenten gedruckte Informationen nicht allzu wichtig genommen. „Der reine Strandurlauber hat überhaupt kein Interesse an Reiseliteratur“, resümiert der Frankfurter Verleger Volker Hildebrand, „den kann man eigentlich nicht gewinnen.“

Außerdem verhält sich der Tourist, der Bücher kauft, kritischer. Verleger Mirza Hayit: „Die Reiseweisheit des Lesers ist größer geworden.“ Wer viel gesehen hat, kann auch beurteilen und legt Wert auf aktuellste Information. Und auf die Aufmachung. Führer, die früher nur mit Zeichnungen und ohne Photos ausgekommen sind wie beispielsweise der grüne „Michelin“, präsentieren sich heute anspruchsvoller; Farbphotos sind mittlerweile ein Muß.

Die Zeiten des großen Wachstums in dieser Branche dürften vorbei sein. Denn die vielen Produkte auf dem Markt ähneln sich immer mehr. „Man kann den Reiseführer nicht mehr revolutionär neu erfinden“, so Mirza Hayit. Und die Welt ist erforscht und vermessen.

So bereiten sich die Verleger auf eine Stagnation, allerdings auf hohem Niveau, vor. Reiseführer werden sich wohl nach wie vor gut verkaufen, zu gewaltigen Umsatzsteigerungen wird es jedoch nicht mehr kommen.

Ein Bereich allerdings könnte noch in Zukunft Erfolge verzeichnen – Literatur, die sich mit der Problematik des Reisens befaßt. Doris Wagner