Von Gisela Dachs

Sein Leben lang hat Yoram Kaniuk versucht, den Deutschen etwas mitzuteilen. Seine Bücher, sagt er, seien für Deutsche und für Juden geschrieben worden. Auf der Suche nach dem „anderen Deutschland“, fern von jenem der Braunhemden und Gaskammern, war der sechzigjährige Israeli, der sich selbst durch seinen Vater als ein Teil der deutschen Kultur versteht, immer wieder in die Bundesrepublik gereist, hatte den Dialog mit den deutschen Intellektuellen gesucht und gefunden. Das war, bevor der Golfkrieg ausbrach. Seitdem hat er es aufgegeben, daran zu glauben, das deutsch-jüdische Trauma sei wirklich überwindbar.

Achtzehn Jahre lang hat Yoram Kaniuk an seinem wichtigsten Werk „Der letze Jude“ geschrieben, vor sechs Jahren wurde es in seinem Heimatland veröffentlicht. Daß die deutsche Fassung nun ausgerechnet zu dem Zeitpunkt erschien, als Saddam Hussein Raketen auf Israel schoß und drohte, die Israelis mit deutschem Gas anzugreifen, ist mehr als bittere Ironie. Zornig, zutiefst enttäuscht reagierte der jüdische Schriftsteller, der in seinem Land als Mitglied der israelischen Friedensbewegung zu den politisch radikalsten Befürwortern einer Verständigung mit den Palästinensern zählt, auf die deutsche Friedensbewegung. Unbegreiflich sei es ihm, wiederholte er in den bundesdeutschen Medien – unter anderem in der Frankfurter Rundschau –, wie in Deutschland „junge Leute für eine abstrakte Idee demonstrieren“, während man in Israel „sitzt und auf das Gas wartet“. Da gebe es nur eine Haltung „für oder gegen uns“.

Aus der einwöchigen geplanten Lesereise Kaniuks Anfang März wurde zwangsläufig eine Reise des Streits und der Auseinandersetzung. Zu einer gespenstischen Begegnung, die zu später Stunde auch im Fernsehen übertragen wurde, kam es im Berliner Literaturhaus mit Günter Grass: „Deutsches Gift“ sollte das Thema sein, „ein Gespräch über die Gräber hinweg“. Die Podiumsdiskussion zwischen den beiden Autoren, die sich seit den sechziger Jahren kennen, glich einem Dialog der Gehörlosen. Grass argumentierte theoretisch, kühl intellektuell, wollte die Anklage nicht akzeptieren, betonte die „sehr differenzierten Proteste“ der deutschen Demonstranten; sagte, er sei „für Israel, aber gegen den Krieg“. Kaniuk argumentierte pragmatisch, verletzt und emotional, sagte, er sei eifersüchtig auf die von der Ausrottung bedrohten Wasservögel im ölverpesteten Persischen Golf, für deren Schicksal jedenfalls würden die Menschen Mitgefühl zeigen. Bitter klang an jenem Abend seine Bilanz: „Wenn ich nicht Günter Grass überzeugen kann, wen dann sonst?“

Der Golfkrieg ist vorüber. Die Angst hat sich verflüchtigt. Die Kluft wird bleiben – und ein Roman, in dem „Deutschautor“, der als einzige Figur keinen Namen trägt, und der israelische Hebräischlehrer Chankin gemeinsam versuchen, ein Buch zu verfassen. Es soll das Leben von Ebeneser Schneurson, dem letzten Juden, erzählen. Zusammen erforschen sie dessen äußerst komplexe Biographie.

Ebeneser Schneurson, dessen Mutter aus Osteuropa gekommen war, sitzt in seiner Hütte in Palästina und schnitzt. Im Holz versucht er, das wahre Gesicht seines Vaters zu entdecken, dener nicht kennt. 1927 bricht er nach Europa auf, um ihn zu suchen. Ebeneser gehört zu den ersten Häftlingen im KZ. Dort hat er Chancen zu überleben, weil seine wunderschönen Holzarbeiten den Nazischergen gefallen. Überzeugt, daß Ebeneser einmal der letzte Jude sein wird, vertrauen ihm die anderen Juden ihr Wissen an. Ebeneser, der glaubt, daß die ganze Welt schon deutsch sei, speichert in seinem außergewöhnlichen Gedächtnis Wichtiges und Unwichtiges gleichrangig nebeneinander: die Liste der Pogromopfer von 1915 bis 1919, Einsteins Relativitätstheorie, die Namen aller koscheren Metzger in Warschau, Moses Mendelssohns Schriften, die Texte von Kafka, von mittelalterlichen Rabbis, die Dichtung Dantes. Ebeneser, der sogar Endzeitberechnungen aufgrund der Bücher von Ezechiel und Nostradamus rezitiert, versteht nicht die Bedeutung der Dinge, die er auswendig weiß. Die vielen Einzelheiten kann er allerdings nur behalten, weil er seine persönlichen Erinnerungen vergißt. Der letzte Jude wird zum Mann ohne Biographie, Eine menschliche Datenverarbeitungsmaschine. Nach dem Krieg tritt er in zweifelhaften Nachtclubs auf, um sein Wissen zu vermarkten. Bei einer Vorstellung sieht ihn „Deutschautor“ zum ersten Mal, verliert aber seine Spur. Erst 1967 kehrt Ebeneser wieder in seine Heimat zurück, wo er neben Hebräischlehrer Chankin wohnt.

So verworren wie Ebenesers Gehirn, in dem alles Wissen ohne Ordnung nach Wichtigkeit, Zeit oder Raum aufgereiht ist, präsentiert sich der Roman dem Leser, der keine leichte Lektüre vor sich hat. Äußerst aufmerksam muß er sich durch die Geschichte, die alles andere als geradlinig verläuft, durchfinden, die Puzzleteile zusammenfügen.