Serge Schmemann hatte Pech gehabt. Als der Reporter der New York Times 1987 von Moskau nach Bonn versetzt wurde, war das für ihn wie eine Strafe: „Ich tat mir selber leid“, erinnert er sich heute, „denn in Deutschland war nicht viel los – jedenfalls im Vergleich zu den aufregenden Zeiten der Perestrojka. Damals dachte ich, das wird für mich so etwas wie eine unfreiwillige Pause.“

Statt einer Pause kam die Wiedervereinigung. Serge Schmemann arbeitete so hart wie nie zuvor. Vergangene Woche, kurz vor seinem 46. Geburtstag, ist er für seine Artikel, die er 1990 von Bonn nach New York schickte, mit dem Pulitzerpreis geehrt worden, die bedeutendste Auszeichnung für Journalisten in den USA. Seit 1917 werden die mit insgesamt 500 000 Dollar dotierten Preise jedes Jahr für „herausragende Leistungen“ in der lokalen, nationalen und internationalen Berichterstattung sowie für den besten Kommentator, Photographen und Cartoonisten verliehen.

„Die Monate von Oktober bis Dezember 1990 waren wohl die aufregendsten in meinem Leben“, sagt Serge Schmemann. Und seit dem Fall der Mauer verging kaum ein Tag, an dem die New Yorker Redaktion nicht eine große Story erwartete. „Es war fast wie Briefe schreiben.“

Serge Schmemann ist in Paris geboren. Die Familie seines Großvaters war aus Essen nach Rußland und während der Revolution nach Frankreich emigriert. Seine Eltern zogen nach Amerika. Sein Vater ist ein einflußreicher Geistlicher der russisch-orthodoxen Kirche in den USA. Den Entschluß, Journalist zu werden, faßte Serge Schmemann, während er Soldat im Vietnamkrieg war. „Mein bester Freund dort war Reporter“, erzählt Schmemann. Von Associated Press wechselte er 1980 in das Moskauer Büro der New York Times. Den Beruf des Journalisten betrachtet er ohne jedes weltverbesserische Pathos: „Wir reflektieren in unseren Artikeln die Erregung des Augenblicks.“ Für ihn sei es der schönste Beruf. „Du kannst tun, was dir Spaß macht, und du wirst dafür auch noch bezahlt.“

In seinen „Briefen“ über die Wiedervereinigung versuchte er, etwas von diesem aufregenden politischen Prozeß auch für seine Leser nachvollziehbar zu machen. In einem Portrait Helmut Kohls schrieb er Anfang Juni vergangenen Jahres: „Mr. Kohl fühlte, daß die Ostdeutschen nicht irgendeine neue Form eines reformierten, freundlichen Sozialismus wollten, sondern daß sie so schnell wie möglich an dem Wohlstand Westdeutschlands teilhaben wollten.“ Er beschreibt Kohl als den pragmatischen Taktierer, dem es gerade wegen seines Mangels an visionärer Kraft gelungen sei, die Gunst des Augenblicks zu nutzen.

Seit Januar ist Serge Schmemann wieder da, wo seine Redaktion ihn wegen seiner Sprach- und Geschichtskenntnisse noch dringender braucht: in der Sowjetunion. Henrik Bork