Das Regime in Addis Abeba steht am Rande des Abgrundes. Schier unaufhaltsam marschieren die Rebellen auf die Hauptstadt zu. Sie kontrollieren die Nordprovinzen Eritrea, Tigre und Gondar; sie haben Godscham, die „Kornkammer Äthiopiens“, erobert und sind tief ins Kernland der herrschenden Amharen eingedrungen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die Aufständischen ihren demoralisierten Gegner niederwerfen.

In Äthiopien gibt niemand mehr einen Pfifferling auf Präsident Mengistu Haile Mariam, der das Land seit nunmehr fast anderthalb Jahrzehnten mit blutigem Terror regiert. Und auch im Bonner Auswärtigen Amt, wo man dem Diktator lange die Stange gehalten hat, schließen die Diplomaten bereits Champagner-Wetten über den Zeitpunkt seiner Kapitulation ab.

Doch was kommt danach? Werden die siegreichen Rebellen, bislang geeint nur im Kampf gegen den verhaßten Mengistu, gemeinsam ein neues Äthiopien aufbauen? Pessimisten prophezeien eine Entwicklung wie im benachbarten Somalia, wo sich die Freischärler seit dem Sturz Siad Barres gegenseitig abschlachten.

Die Eritreer werden nach einem erfolgreichen dreißigjährigen Krieg gegen den „letzten Stalinisten Afrikas“ mitnichten ihre Forderung nach Unabhängigkeit aufgeben. Die Widerstandskämpfer der Oromo, der zahlenmäßig größten Volksgruppe, lassen sich gewiß nicht an den Katzentisch verbannen. Und welchen Staat die tigreischen Rebellen wollen, wissen sie wohl selber nicht so genau.

Um einer Libanisierung ihres Landes vorzubeugen, haben nun 240 namhafte Wissenschaftler ein Manifest entworfen. Es ist die erste wirklich bemerkenswerte Friedensinitiative, die aus Äthiopien selber kommt.

Der Geographie-Professor Mesfin Wolde-Mariam hat sie auf einem internationalen Äthiopienkongreß in Addis Abeba vorgetragen. Den einheimischen Unterzeichnern gebührt großer Respekt, denn es gehört unter den Bedingungen allgegenwärtiger Repression geradezu Todesmut dazu, derart an die Öffentlichkeit zu treten und den Rücktritt Mengistus zu verlangen. Die Resolution schlägt freie Wahlen von Ältestenräten in allen Provinzen vor; diese sollen eine Interimsregierung bestimmen, die ihrerseits eine Verfassung erarbeiten und den Weg zu Mehrparteiensystem und Rechtsstaat ebnen soll. Ein ehrenwerter Vorstoß, der den Schießkrieg durch einen Wortkrieg ersetzen will.

Der Diktator reagierte auf seine Art. In der Seddest-Killo-Universität forderte er die Studenten zum Kampf für die Einheit des Vaterlandes auf. Anschließend ordnete er eine Aushebung an; wer nicht folgte, wurde exmatrikuliert. ill