ZDF, donnerstags, 14.40 Uhr: „Sind wir noch zu retten?“

Der Weitgereiste ist der Urtyp des Erzählers. Seine Schilderungen mehrköpfiger Seeungeheuer, keulenbewehrter Troglodyten und glutäugiger Menschenfresser garantierten ihm sein Publikum lange vor der Erfindung der Schrift. Die lesende Gemeinde liebt bis heute kaum ein Genre so innig wie den Reiseroman. Und auch das Fernsehprogramm wäre ärmer ohne den Weltenbummler und seine spektakulär bebilderten Angebereien.

Seit mindestens zwei Dekaden aber hat der Bericht vom Unterbauch der Erde, wo die Menschen mit dem Kopf nach unten laufen, den Charme der Sensation verloren. Nicht nur, daß wir das alles kennen und selbst schon dort waren – es wächst auch ein unbehagliches Bewußtsein, daß die Pracht der Wildnis, die Ursprünglichkeit der Primitiven und die Vitalität der fremden Fauna ein Trug ist, hinter dem sich Ödnis und Artensterben vorfressen. Es wächst die Gewißheit, daß der Spiritus rector dieses schleichenden Untergangs kein exotischer Fremdling, sondern ein guter Bekannter ist: der hausgemachte Homo oeconomicus im Ornat seiner Ratio, seiner Raffgier und Rücksichtslosigkeit.

Entweder rodet dieser Kolonisator in eigener Person den Regenwald, oder er fungiert als Vorbild, von dem die unglücklichen Eingeborenen den brutalen Zugriff auf ihre Ressourcen gelernt haben. Kurz, wer uns als Hauptfigur begegnet im Reisebericht der neunziger Jahre, um den lohnt weder Reise noch Bericht, denn dieser Übeltäter ist der Zuhörer, der Leser, der Fernsehgucker selbst. Ihm ist zu danken, daß „Natur“ sich auf „Raubbau“ reimt und „Ozean“ auf „biologischen Tod“. Die Ferne ist verschwunden und die nahgerückte Fremde schrecklich. Aus der bedrohlichen Welt ist die bedrohte Umwelt geworden und aus dem Fernweh ein wehes Gewissen.

Was ist unter diesen Umständen eine Sendereihe über den Senegal und die Philippinen, über Brasilien und Venezuela noch wert? Wer schaut sich so was an, wo er im voraus weiß, daß er selbst die Schuld kriegen und doch unfähig bleiben wird, Abbitte und Abhilfe zu leisten? Es geht nur andersrum: Diejenigen von uns, die Abbitte leisten und Abhilfe wissen, müssen zu Wort kommen und bei ihrem Werk gezeigt werden, damit Reisen wieder in Frage kommt als Traum und Tat und Quelle für Bücher und Filme.

Einen solchen Weg geht Jürgen Voigt mit seinem Sechsteiler „Sind wir noch zu retten?“ im ZDF. Die Antwort auf seine Titelfrage lautet: Ja – vorausgesetzt daß ... Daß im ausgeraubten Meer am Strand der Philippinen, wo die Fischer aufgeben müssen, Algenpflanzungen für Mensch und Wasser Nutzen stiften – „Marikultur“ statt Raubfischerei. Daß die Rodungen auf Mindanao den Regenwald nicht für alle Ewigkeit beseitigt haben, sondern „naturgemäße Waldwirtschaft“ eine neue Vegetation, die den Boden zusammenhält und dem Klima hilft, sprießen läßt – wie es deutsche Forstleute im Verein mit ansässigen Waldhütern vorführen. Die Überlebensformel lautet: „Natur läßt sich nur bewahren, wenn die Bevölkerung des Landes mit ihrer Natur wirtschaftet, mit ihr Geld verdient.“

Für den Liebhaber von Reiseromanen mag das gar zu nüchtern klingen, für den schuldbewußten Mitmenschen aber, der sich die TV-Fernreise schon gar nicht mehr zutraut, weil er die Selbstbegegnung in der geplünderten Fremde scheut, ist es ein Trost. Barbara Sichtermann