Von Reinald Schröder

Es gibt eine primitive Art des Antisemitismus, die sich darauf beschränkt, den Juden an sich zu bekämpfen. Ihre Anhänger geben sich damit zufrieden, daß ein klarer Trennungsstrich zwischen Deutschen und Juden gezogen ist. Sie meinen, das Problem sei gelöst, wenn einer Blutsvermischung Einhalt geboten wird und Juden am politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Nation nicht mehr teilnehmen dürfen.

... nicht der Rassejude an sich ist uns gefährlich gewesen, sondern der Geist, den er verbreitete. Und ist der Träger dieses Geistes nicht Jude, sondern Deutscher, so muß er uns doppelt so bekämpfenswert sein als der Rassejude, der den Ursprung seines Geistes nicht verbergen kann.

Der Volksmund hat für solche Bazillenträger die Bezeichnung „Weißer Jude“ geprägt, die überaus treffend ist, weil sie den Begriff des Juden über das Rassische hinaus erweitert...

Am klarsten erkennbar ist der jüdische Geist wohl im Bereich der Physik, wo er in Einstein seinen „bedeutendsten“ Vertreter hervorgebracht hat. Während alle großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Erkenntnisse auf die besonderen Fähigkeiten germanischer Forscher zur geduldigen, fleißigen und aufbauenden Naturbeobachtung zurückzuführen sind; während der germanische Forscher in der sogenannten Theorie immer nur ein Hilfsmittel sieht, das die Naturbeobachtung gegebenenfalls erleichtern, niemals aber ein Mittel zum Zweck werden kann...; hat der in den letzten Jahrzehnten vordringende jüdische Geist die dogmatisch verkündete, von der Wirklichkeit losgelöste Theorie in den Vordergrund zu schieben gewußt.

So stand es am 15. Juli 1937 im Schwarzen Korps, dem Organ der SS, zu lesen. Verfaßt hatte diese Zeilen der Physik-Nobelpreisträger Johannes Stark (1874-1957), damals Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt. Er war schon in den zwanziger Jahren ein Anhänger Hitlers geworden, da ihn die „Volksgemeinschaft“ als „das höchste Ziel“ begeisterte. Zusammen mit Philipp Lenard (1862-1947), ebenfalls einem Nobelpreisträger, wollte er der „arischen“ oder „deutschen Physik“ zum Durchbruch verhelfen, was vor allem darauf hinauslief, die theoretische Physik, deren Bedeutung in den zwanziger Jahren aufgrund der Quanten- und Relativitätstheorie tatsächlich enorm gewachsen war, wieder auf ihre ehemalige untergeordnete Rolle zurechtzustutzen.

Dieser Streit ging weit über die alte Kontroverse zwischen Theorie und Experiment hinaus. Die Kritiker Einsteins befürchteten die Entmachtung des „gesunden Menschenverstandes“ und den Verlust des intuitiv anschaulichen Bildes von der Natur, das dem mechanistischen Weltbild der klassischen Physik zugrunde lag und – so Lenard – von der Relativitätstheorie zerstört werden würde.