Nach acht Jahren geht in Westdeutschland der Boom zu Ende

Von Dirk Kurbjuweit

Zweimal im Jahr geben sich Deutschlands Konjunkturexperten zugeknöpft. Dann sitzen die Vertreter der fünf führenden Institute für Wirtschaftsforschung in Klausur zusammen und beraten über ihr Gemeinschaftsgutachten, einmal im Herbst und einmal im Frühjahr. Derzeit wird in Essen getagt, wie immer ist strengste Schweigepflicht verordnet. Am 29. April spricht dann das Orakel: Die Forscher sagen, wie sich ihrer Meinung nach die Konjunktur in der Bundesrepublik entwickeln wird. Gute Kunde, soviel ist sicher, wird es diesmal nicht geben. Im Herbst hatte das Gemeinschaftsgutachten ein Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent für 1991 in den alten Bundesländern vorhergesagt. Dabei wird es wohl nicht bleiben. „Eine Revision nach unten ist wahrscheinlich“, verriet ein Insider. Mehr als 2 Prozent würde das Bruttosozialprodukt kaum zulegen, und 1992 seien es vielleicht nur noch 1,5 Prozent. Kippt nun die Konjunktur?

Zwar machte Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Eröffnung der Hannover-Messe Industrie vergangene Woche noch in Optimismus und lobte die „gute Konjunktur in den alten Bundesländern“, doch war seinen Zuhörern, den Ausstellern, schon nicht mehr ganz wohl. Während der Messe wurde das Adjektiv „verhalten“ zum meistgebrauchten Wort: verhaltenes Wachstum, verhaltener Optimismus. Doch sind auch schon Klagen zu hören. Die Maho AG aus Pfronten, Deutschlands größter Hersteller von Werkzeugmaschinen, meldet schrumpfende Umsätze und Gewinne. „Binnen weniger Monate hat sich der Konjunkturwind gedreht und bläst uns heftig ins Gesicht“, stöhnt Werner Babel, Firmenchef und Großaktionär bei Maho.

Die gesamte Maschinenbaubranche, so wurde in Hannover deutlich, blickt frustriert auf abnehmende Aufträge, vor allem aus dem Ausland. Auch die Kapazitäten sind nicht mehr vollständig ausgelastet. Das hat bereits Folgen: 27 000 Beschäftigte arbeiteten im März kurz, im Jahr zuvor waren es nur 1700. Zwar geht es anderen Branchen noch glänzend, zum Beispiel der Automobilindustrie, doch gilt die Lage im Maschinenbau als Frühindikator für die Konjunkturentwicklung. Werden keine Industrieroboter gekauft, dann geht es auf mittlere Sicht auch mit der Güterproduktion nicht mehr aufwärts.

Vorsicht kehrt ein

Eine Rezession, also sinkende Wirtschaftsleistung, wird für Westdeutschland indes noch nicht befürchtet. Allerdings boomt es auch nicht mehr. 1990 war offensichtlich der Höhepunkt eines langen Aufschwungs. Um üppige 4,6 Prozent wuchs im vergangenen Jahr das Bruttosozialprodukt, weltweit ein Spitzenwert. Die Wirtschaft in Westdeutschland stand voll unter Dampf, während in der ehemaligen DDR so ziemlich alles den Bach hinunterging. Beides hing unmittelbar miteinander zusammen, denn die Ostdeutschen stürzten sich auf alle Westwaren, die sie bis zur Maueröffnung nur im Fernsehen bestaunen durften.