Viele Jazzlexika kennen sie nicht anzutreffen in jener Atmosphäre, die Trurhan Capote so trefflich beschrieben hat: "Der Raum schwimmt im Zigarettenrauch und Samstagnachtparfum. All die schmierigen Holztischchen haben eine doppelte Reihe Stühle um sich, und jeder kennt jeden, und einen Moment ist di; Welt dieser Raum, dieser dunkle verjazzte, gräßliche Raum; ist Shotguns stampfender Fuß ur ser Herzschlag, alles Erfreuliche unseres Lebens glüht im Glanz seiner listigen Augen want a big nem Stuhl, und da er den Kopf hebt, um uns anztschauen, schwingt sich ein aufjauchzendes Gebrüll in die Nacht: want a big fat mama witb Nein, nein, die amerikanische Pianistin und Sängerin Shirley Hörn braucht andere Tapeten. Solche, vor denen man sich gut vorstellen kann, w e Cole Porter, Noel Coward, Fred Astaire und vielleicht sogar John F. Kennedy ihre Drinks nehmen. Das heißt aber noch lange nicht, daß Shirley Hörn ein musikalischer Barhocker wäre. Sie bevorzugt nur ein Ambiente, in dem man für einige Stunden den amerikanischen Traum ausblenden ksnn. Und dafür macht sie die perfekte Musik. Klänge, die von einer derart raffinierten Beiläufigkeit sind, daß sie Narren für Tand halten könnten. Bei meinem Barte, sie sind es nicht. Vielmehr sind sie das Ergebnis eines Filterungsprozesses, der sozusagen die reine Musik übriggelassen hat. Wo die meisten Pianisten der Versuchung erliegen, ihre Finger sausen zu lassen, als wären sie auf der Flucht, übt sich Shirley Hörn im Stoizismus der Tasten. Sie ist sozusagen dem Schweigen näher als dem Sprechen. Und das macht ihre grandiose, ja fast philosophische Unerschütterlichkeit ais. Sie scheint manchmal wie in Zeitlupe zu musirieren, und ich habe noch nie solche wunderbaren Pausen "vorgeschwiegen" bekommen wie von dieser Frau aus Washington.

Ihre Fähigkeit zur Ruhe, zum abgesenkten Pulsschlag in der Musik überträgt sich auf den Schlagzeuger und auf den Bassisten, die sie begleiten. Jawohl: begleiten. Hier sind Egozentriker und Wichtigtuer unerwünscht. Die Herren bleiben höflich im Hintergrund, die Dame, tatsächlich, sie ist eine, hat Vorfahrt "It had to be you" ist ein Foxtrott. Ein bißchen lustig, ein bißchen doof, eigentlich harmlos. Na eben amerikanisches Entertainment. Genausogut kann man einem Fön zuhören. Aber wenn sich Shirley Hörn dieses Liedels annimmt, dann scheint der Song nachzureifen, erwachsen zu werden. Zuerst nimmt sie der Melodie dieses idiotische Tempo weg. Sie spielt sie jetzt ganz, ganz langsam, h had to be Largo! Das gibt ihr die Möglichkeit, der harmonischen Struktur höchst ergötzliche Brechungen zu verpassen. Mit einem Mal ist aus einem Pop Tralala ein Stück interessanter Musik geworden.

Und das hat eine Frau geschafft, die erst jetzt sie wird am 1. Mai 57 Jahre alt - die Beachtung bekommt, die sie seit Jahrzehnten verdient. Nach einem eher unauffälligen Leben: Klavierunterricht mit vier Jahren, Musikstudium an der Howard University, einige Schallplatten, Auftritte in Clubs wie "Vine Street Bar and Grill" in Hollywood, wo sie die dunkelstimmige Nachtigall abgab. Aber sie hatte schon immer Bewunderer ihrer Künste: Miles Davis, Toots Thielemans und die MarsalisBrüder ließen nichts auf sie kommen. Frau Hörn blieb trotzdem eine Lokalheroine aus Washington. Jetzt erst geht ihr Stern auf. Kürzlich gab sie zwei ausverkaufte Konzerte in Paris, wo man Jazz mehr als anderswo zu würdigen weiß. Und ihre Bewunderer sind zur tätigen Liebe übergegangen. Auf ihrer neuesten CD spielen sie als Gastsolisten mit: Sage mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist. Auf Shirley Horns Musik passen Zeilen von Cole Porter, die er für sein Musical "Les Girls" geschrieben hat: "With your Empfindungen eines deutschen Jazzpianisten beim Anhören seiner Kollegin.

Shirley Hörn: You wont forget me - Special Guest Solists: Miles Davis und Wynton Marsalis, Trompete; Bück Hill und Brandford Marsalis, Tenorsaxophon; Toots Thielemans, Harmonica, Gitarre; Verve Records 847 482 2