Die DDR, „Arbeiter- und Bauernstaat“ von Gnaden der eigenen Anmaßung, hat mit ihrer politischen Rhetorik fortschrittliche Ideen zu ihrer Legitimation mißbraucht; sie hat sie durch eine unmenschliche Praxis höhnisch dementiert und dadurch in Mißkredit gebracht. Ich fürchte, daß diese Dialektik der Entwertung für die geistige Hygiene in Deutschland ruinöser sein wird als das geballte Ressentiment von fünf, sechs Generationen gegenaufklärerischer, antisemitischer, falsch romantischer, deutschtümelnder Obskurantisten. Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR in die erweiterte Bundesrepublik einbringt. Das ist eine Zerstörung der Vernunft, an die Lukács nicht gedacht hat. Gewiß war der Lehrbuch-Diamat von Anbeginn eine auf den Sowjet-Imperialismus Stalins zugeschnittene Legitimationsideologie; aber bis 1953 waren aus dem Westen zurückgekehrte Emigranten wie Brecht, Bloch, Hans Mayer, Stefan Heym oder andere wie Anna Seghers doch auch Zeugen dafür, daß die DDR vorgab, für jene Traditionen einzustehen, die es auf deutschem Boden immer besonders schwer gehabt hatten. Die Prätention, das bessere kulturelle Deutschland zu repräsentieren, hatte hohle Stellen: kein Freud, kein Kafka, kein Wittgenstein, kein Nietzsche. Aber die Heine-Linie der prononcierten Aufklärung konnten die DDR-Verlage damals um so eher für sich reklamieren, als im Westen der Antifaschismus der ersten Jahre – ich erinnere an Kogons „SS-Staat“, an Langhoffs „Moorsoldaten“ oder Weisenborns „Memorial“, die ja in Frankfurt, München oder Hamburg erschienen waren – alsbald wieder dem landesüblichen Antikommunismus weichen mußte. Der lieferte ja die Motive für Adenauers Wahlplakate.

Das Erhaltenswerte der alten DDR liegt nicht auf der institutionellen Ebene. Die Ökonomie war unproduktiv, die Verwaltung ein Unterdrückungsapparat, die Entlegitimierung weit fortgeschritten, jedenfalls in der jüngeren Generation. Sogar der Legitimationskern des politischen Systems, die auf niedrigem Niveau erhaltene, durch verschleierte Arbeitslosigkeit erkaufte soziale Sicherheit, war verdorben; er steckte in einer Schale, die – wie Marx gesagt hätte – alle produktiven Kräfte gefesselt hat. Was von den vierzig Jahren DDR-Geschichte unterhalb der institutionellen Ebene an Erfahrungen, Mentalitäten, Lebensformen erhaltenswert ist, müssen andere wissen – Konrad Weiss, Friedrich Schorlemmer, Bischof Forck, Bärbel Bohley usw.

Als Student, Anfang der fünfziger Jahre, war ich ein paarmal im Schiffbauer-Damm-Theater, solange Brecht bei uns noch nicht gespielt werden konnte. Etwas später, es war wohl 1954/55, hatten wir auch einmal in Ost-Berlin Kontakt mit einer FDJ-Stelle, um für unseren Studentischen Film-Club in Bonn Defa-Filme auszuleihen. Bei derselben Gelegenheit war ich auch in der Humboldt-Universität, um mir dort das Philosophische Seminar – das alte Seminar meines Lehrers Nicolai Hartmann – anzusehen. Das waren die wenigen Berührungen mit der „offiziellen“ Welt dort drüben, die mir so fremd, autoritär und abschreckend erschien wie die Kontrollen am Bahnhof Friedrichstraße. Es hat dreieinhalb Jahrzehnte gedauert, bis ich persönlich mit dieser Welt wieder in Kontakt gekommen bin. Die erste Einladung erhielt ich 1988 von einem Kollegen aus Halle. Dort habe ich im Sommer 88 unter den Augen des aus Berlin angereisten Chefphilosophen der DDR einen Vortrag gehalten – eine geradezu absurde „Observierung“, wenn man den Zeitpunkt bedenkt. Ebensowenig Kontakt hatte ich mit oppositionellen Gruppen. Ich erwähne diese Geschichte einer Beziehungslosigkeit, um an das Faktum zu erinnern, daß unsereiner mit der Nachkriegsgeschichte Italiens oder Frankreichs oder der USA mehr gemeinsam hatte als mit der der DDR. Deren Geschichte war nicht unsere Geschichte. Für meine Kinder und die Generation meiner Kinder gilt das erst recht. Man muß das ohne Sentimentalität feststellen dürfen.

1. Die politische Kultur: beschädigt

Natürlich hat etwa Jena für einen in der Tradition aufgewachsenen deutschen Philosophen jene Art von Aura wie vielleicht Oxford und Cambridge für meine englischen, Harvard für die amerikanischen Kollegen. Aber intellektuelle Traditionen lösen sich von ihrem geographischen Ursprung; durch den Umstand, daß Königsberg heute Kaliningrad heißt, hat Kant für uns keine andere Bedeutung erhalten. Wenn man heute ein Merian-Heft über Sachsen aufschlägt, sind es die Stadtansichten, die Schlösser, die zerstörten Landschaften, die Märkte und die zerfallenen Barock-Häuser, auf die man neugierig ist. Daß darin auch Leibniz, Lessing, Wagner wie in einem Werbeprospekt als „große Sachsen“ reklamiert werden, fügt ja dem, was wir immer schon an den Europäern Leibniz und Lessing oder, Gott sei’s geklagt, an Bayreuth hatten, nicht mehr hinzu als vielleicht ein kleines Erstaunen. Geistige Traditionen bleiben auf andere Weise Eigentum als durch den politischen Besitz eines Territoriums. Man hätte die 150 Quadratmeter unsterblicher deutscher Geistesgeschichte am Alten Graben in Jena immer schon gerne einmal besucht; aber dazu hätte es nur eines normalen Reiseverkehrs zwischen normalen Nachbarn bedurft. Man begegnete im vergangenen Jahr einem besitzergreifenden Territorialfetischismus, als ob wir uns durch die Angliederung der DDR irgendein Traditionserbe aneignen könnten. Diese Töne des Triumphes über ein vermeintliches geistiges Größenwachstum haben mich eher nervös gemacht.

Wichtiger ist der Modus des Einigungsprozesses selber; historische Ereignisse werden rückwirkend interpretiert. Art und Tempo der Vereinigung sind von der Bundesregierung bestimmt worden. Das hervorstechendste physiognomische Merkmal ist der instrumentelle Charakter eines außenpolitisch geschickt abgefederten, auf wirtschaftliche Imperative zugeschnittenen Verwaltungsvorgangs, der keine eigene demokratische Dynamik gewonnen hat. Die Leitartikler haben die Regierung dafür gerühmt, daß sie die „Stunde der Exekutive“ genutzt habe. In Wahrheit haben sich Kohl und sein Küchenkabinett mit Tugenden und Tricks durchgesetzt, die man sonst nur aus kleinkarierten innenpolitischen Auseinandersetzungen kennt. Sie haben mit dem Instrument der Staatsverträge, mit einer Politik der selbstgesetzten Terminzwänge und der forschen Inbetriebnahme des Organisationsnetzes der Blockparteien die tief gespaltene parlamentarische Opposition und die Öffentlichkeit ausmanövriert. Sie haben die Weichen für einen Prozeß gestellt, der vornehmlich in Kategorien der wirtschaftlichen Organisation verlaufen ist – ohne daß politische Alternativen auch nur zum Thema gemacht worden wären.

Natürlich stand auch ein naiver Wirtschaftsliberalismus hinter der grotesken Fehleinschätzung, daß das freigesetzte Spiel der Marktkräfte schon bewerkstelligen werde, was nur ein politisch schonender Umbau hätte leisten können. Unterschätzen sollte man aber nicht das ebenso naive, sagen wir einmal: Dreggersche Bewußtsein, in einer Sternstunde der nationalen Geschichte „große“ Politik machen zu können. Es bewegte sich ein gutes Stück 19. Jahrhundert in den Köpfen der Akteure, die ja sonst eher durch ihre Unauffälligkeit auffallen.