Die DDR, „Arbeiter- und Bauernstaat“ von Gnaden der eigenen Anmaßung, hat mit ihrer politischen Rhetorik fortschrittliche Ideen zu ihrer Legitimation mißbraucht; sie hat sie durch eine unmenschliche Praxis höhnisch dementiert und dadurch in Mißkredit gebracht. Ich fürchte, daß diese Dialektik der Entwertung für die geistige Hygiene in Deutschland ruinöser sein wird als das geballte Ressentiment von fünf, sechs Generationen gegenaufklärerischer, antisemitischer, falsch romantischer, deutschtümelnder Obskurantisten. Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR in die erweiterte Bundesrepublik einbringt. Das ist eine Zerstörung der Vernunft, an die Lukács nicht gedacht hat. Gewiß war der Lehrbuch-Diamat von Anbeginn eine auf den Sowjet-Imperialismus Stalins zugeschnittene Legitimationsideologie; aber bis 1953 waren aus dem Westen zurückgekehrte Emigranten wie Brecht, Bloch, Hans Mayer, Stefan Heym oder andere wie Anna Seghers doch auch Zeugen dafür, daß die DDR vorgab, für jene Traditionen einzustehen, die es auf deutschem Boden immer besonders schwer gehabt hatten. Die Prätention, das bessere kulturelle Deutschland zu repräsentieren, hatte hohle Stellen: kein Freud, kein Kafka, kein Wittgenstein, kein Nietzsche. Aber die Heine-Linie der prononcierten Aufklärung konnten die DDR-Verlage damals um so eher für sich reklamieren, als im Westen der Antifaschismus der ersten Jahre – ich erinnere an Kogons „SS-Staat“, an Langhoffs „Moorsoldaten“ oder Weisenborns „Memorial“, die ja in Frankfurt, München oder Hamburg erschienen waren – alsbald wieder dem landesüblichen Antikommunismus weichen mußte. Der lieferte ja die Motive für Adenauers Wahlplakate.

Das Erhaltenswerte der alten DDR liegt nicht auf der institutionellen Ebene. Die Ökonomie war unproduktiv, die Verwaltung ein Unterdrückungsapparat, die Entlegitimierung weit fortgeschritten, jedenfalls in der jüngeren Generation. Sogar der Legitimationskern des politischen Systems, die auf niedrigem Niveau erhaltene, durch verschleierte Arbeitslosigkeit erkaufte soziale Sicherheit, war verdorben; er steckte in einer Schale, die – wie Marx gesagt hätte – alle produktiven Kräfte gefesselt hat. Was von den vierzig Jahren DDR-Geschichte unterhalb der institutionellen Ebene an Erfahrungen, Mentalitäten, Lebensformen erhaltenswert ist, müssen andere wissen – Konrad Weiss, Friedrich Schorlemmer, Bischof Forck, Bärbel Bohley usw.

Als Student, Anfang der fünfziger Jahre, war ich ein paarmal im Schiffbauer-Damm-Theater, solange Brecht bei uns noch nicht gespielt werden konnte. Etwas später, es war wohl 1954/55, hatten wir auch einmal in Ost-Berlin Kontakt mit einer FDJ-Stelle, um für unseren Studentischen Film-Club in Bonn Defa-Filme auszuleihen. Bei derselben Gelegenheit war ich auch in der Humboldt-Universität, um mir dort das Philosophische Seminar – das alte Seminar meines Lehrers Nicolai Hartmann – anzusehen. Das waren die wenigen Berührungen mit der „offiziellen“ Welt dort drüben, die mir so fremd, autoritär und abschreckend erschien wie die Kontrollen am Bahnhof Friedrichstraße. Es hat dreieinhalb Jahrzehnte gedauert, bis ich persönlich mit dieser Welt wieder in Kontakt gekommen bin. Die erste Einladung erhielt ich 1988 von einem Kollegen aus Halle. Dort habe ich im Sommer 88 unter den Augen des aus Berlin angereisten Chefphilosophen der DDR einen Vortrag gehalten – eine geradezu absurde „Observierung“, wenn man den Zeitpunkt bedenkt. Ebensowenig Kontakt hatte ich mit oppositionellen Gruppen. Ich erwähne diese Geschichte einer Beziehungslosigkeit, um an das Faktum zu erinnern, daß unsereiner mit der Nachkriegsgeschichte Italiens oder Frankreichs oder der USA mehr gemeinsam hatte als mit der der DDR. Deren Geschichte war nicht unsere Geschichte. Für meine Kinder und die Generation meiner Kinder gilt das erst recht. Man muß das ohne Sentimentalität feststellen dürfen.

1. Die politische Kultur: beschädigt

Natürlich hat etwa Jena für einen in der Tradition aufgewachsenen deutschen Philosophen jene Art von Aura wie vielleicht Oxford und Cambridge für meine englischen, Harvard für die amerikanischen Kollegen. Aber intellektuelle Traditionen lösen sich von ihrem geographischen Ursprung; durch den Umstand, daß Königsberg heute Kaliningrad heißt, hat Kant für uns keine andere Bedeutung erhalten. Wenn man heute ein Merian-Heft über Sachsen aufschlägt, sind es die Stadtansichten, die Schlösser, die zerstörten Landschaften, die Märkte und die zerfallenen Barock-Häuser, auf die man neugierig ist. Daß darin auch Leibniz, Lessing, Wagner wie in einem Werbeprospekt als „große Sachsen“ reklamiert werden, fügt ja dem, was wir immer schon an den Europäern Leibniz und Lessing oder, Gott sei’s geklagt, an Bayreuth hatten, nicht mehr hinzu als vielleicht ein kleines Erstaunen. Geistige Traditionen bleiben auf andere Weise Eigentum als durch den politischen Besitz eines Territoriums. Man hätte die 150 Quadratmeter unsterblicher deutscher Geistesgeschichte am Alten Graben in Jena immer schon gerne einmal besucht; aber dazu hätte es nur eines normalen Reiseverkehrs zwischen normalen Nachbarn bedurft. Man begegnete im vergangenen Jahr einem besitzergreifenden Territorialfetischismus, als ob wir uns durch die Angliederung der DDR irgendein Traditionserbe aneignen könnten. Diese Töne des Triumphes über ein vermeintliches geistiges Größenwachstum haben mich eher nervös gemacht.

Wichtiger ist der Modus des Einigungsprozesses selber; historische Ereignisse werden rückwirkend interpretiert. Art und Tempo der Vereinigung sind von der Bundesregierung bestimmt worden. Das hervorstechendste physiognomische Merkmal ist der instrumentelle Charakter eines außenpolitisch geschickt abgefederten, auf wirtschaftliche Imperative zugeschnittenen Verwaltungsvorgangs, der keine eigene demokratische Dynamik gewonnen hat. Die Leitartikler haben die Regierung dafür gerühmt, daß sie die „Stunde der Exekutive“ genutzt habe. In Wahrheit haben sich Kohl und sein Küchenkabinett mit Tugenden und Tricks durchgesetzt, die man sonst nur aus kleinkarierten innenpolitischen Auseinandersetzungen kennt. Sie haben mit dem Instrument der Staatsverträge, mit einer Politik der selbstgesetzten Terminzwänge und der forschen Inbetriebnahme des Organisationsnetzes der Blockparteien die tief gespaltene parlamentarische Opposition und die Öffentlichkeit ausmanövriert. Sie haben die Weichen für einen Prozeß gestellt, der vornehmlich in Kategorien der wirtschaftlichen Organisation verlaufen ist – ohne daß politische Alternativen auch nur zum Thema gemacht worden wären.

Natürlich stand auch ein naiver Wirtschaftsliberalismus hinter der grotesken Fehleinschätzung, daß das freigesetzte Spiel der Marktkräfte schon bewerkstelligen werde, was nur ein politisch schonender Umbau hätte leisten können. Unterschätzen sollte man aber nicht das ebenso naive, sagen wir einmal: Dreggersche Bewußtsein, in einer Sternstunde der nationalen Geschichte „große“ Politik machen zu können. Es bewegte sich ein gutes Stück 19. Jahrhundert in den Köpfen der Akteure, die ja sonst eher durch ihre Unauffälligkeit auffallen.

Die Intellektuellen haben das normative Defizit des Einigungsprozesses beklagt. Das halte ich für wichtig, weil das den rücksichtslosen Umgang mit unserer politischen Kultur betrifft, also langfristige Schäden, die die politischen Parteien über ihrer Wahltaktik und die Beamten über der administrativen Einrichtung eines Wirtschaftssystems auf gefährliche Weise vernachlässigt haben. Die Institutionen des Grundgesetzes können nicht besser funktionieren, als es das staatsbürgerliche Bewußtsein einer an Institutionen der Freiheit gewöhnten Bevölkerung erlaubt.

Die politische Kultur besteht aus einem verletzbaren Geflecht von Mentalitäten und Überzeugungen, die nicht durch administrative Maßnahmen erzeugt oder auch nur gesteuert werden können. Was wir beklagen, ist der rücksichtslose Umgang mit unwägbaren, schonungsbedürftigen moralischen und geistigen Ressourcen, die sich nur spontan und nicht auf dem Verordnungswege regenerieren können. Das Selbstverständnis, das politische Selbstbewußtsein einer Nation von Staatsbürgern bildet sich nur im Medium öffentlicher Kommunikation. Und die ist auf eine kulturelle Infrastruktur angewiesen, die man heute in den neuen Bundesländern verkommen läßt.

Die administrative „Abwicklung“ von Akademien, Hochschulen, Museen, die Umstellung von Theater, Film und Literatur auf die im Westen eingespielten Modelle von Markt und Subvention sind ja im Effekt noch schlimmer als die Zerstörung von Produktionskapazitäten in anderen Sektoren. Denn die intellektuellen Kapazitäten lassen sich, wenn man die Produktion für zwei, drei oder fünf Jahre unterbricht, nicht mehr regenerieren. Geknickte Biographien sind in jedem Fall eine Katastrophe. Jedoch lassen sich industrielle Kapazitäten unter anderen Bedingungen ersetzen. Zerfallene kulturelle Milieus lassen sich nicht in gleicher Weise wieder aufbauen. Wenn sie ruiniert sind, sind sie es ein für allemal.

Aus der Retrospektive erkenne ich, daß ich seinerzeit, als Student, Adenauers große Leistung – die energische Einbindung der Bundesrepublik in die westliche Allianz und das westliche Gesellschaftssystem – in seiner historischen Tragweite nicht richtig eingeschätzt habe. Alle meine Haare sträubten sich damals gegen Adenauer, gegen die Politik der Normalisierung eines alten Mannes mit beschränktem Wortschatz. Er war nicht nur ohne jeden Kontakt zu den Erfahrungen und Erwartungen der jüngeren Generation, sondern vollständig unempfindlich gegenüber den mentalen Schäden einer unter seinen Fittichen gedeihenden Restauration der Gesinnungen – und nicht nur der Gesinnungen.

Unsere radikale Opposition gegen jenen Geist der Adenauer-Zeit erscheint mir auch heute noch gerechtfertigt. Ohne die Opposition der linksliberalen und manchmal sogar linken Intelligenz, die sich damals formierte und die erst seit dem Anfang der sechziger Jahre, also in der Inkubationszeit der Studentenbewegung, eine gewisse Ansteckungskraft entfaltete – ohne diese Arbeitsteilung zwischen den Regierenden und ihren „Pinschern“ hätte sich ein zivilisierter Bürgersinn in der Bundesrepublik, überhaupt eine zivile Mentalität wohl kaum ausgeprägt. Aus neokonservativem Mief plus Gelsenkirchener Barock wäre niemals eine tiefergehende Identifikation mit einer Ordnung hervorgegangen, in deren universalistischen Grundsätzen doch auch ein Potential der Selbstkritik und der Selbsttransformation verankert ist.

Nehmen wir einmal an, ich würde mich heute erneut über die historische Bedeutung dessen täuschen, was mir als die Kohlsche Anschlußpolitik erscheint. Nehmen wir ferner an, daß es zu dieser Politik gar keine Alternative gegeben hat. Nehmen wir for the sake of the argument an, Kohl hätte sogar ein Bewußtsein für die politisch-kulturellen Unwägbarkeiten und für die moralischen Kosten, die er als unvermeidlich lediglich in Kauf nähme – selbst dann wäre es doch ein Versäumnis, wenn die Intellektuellen nicht auf diese imponderabelen Schäden aufmerksam machen würden. Die Kritik richtet sich ja nicht gegen die staatliche Einigung selbst, sondern gegen den Modus, wie dieses Ziel erreicht worden ist.

Natürlich ist die staatliche Vereinigung durch demokratische Wahlen legitimiert worden. Aber der Modus des Beitritts hat vier Fünfteln der Wahlbevölkerung die Chance genommen, sich frei zu entscheiden. Sie sind gar nicht gefragt worden; sie konnten lediglich den vollzogenen Anschluß bestätigen – in einer verdrossenen Bundestagswahl mit vergleichsweise niedriger Wahlbeteiligung. Das normative Defizit besteht darin, daß sich die „politische Klasse“, außer mit albernen Wahlparolen wie „Wir freuen uns auf Deutschland“, nicht darum bemüht hat, die Mehrheit der westdeutschen Wahlbevölkerung, die viel zu jung ist, um mit dem ziemlich fremden Staat DDR viel verbinden und viel anfangen zu können, für das mühsame Projekt einer gemeinsamen Nation von Staatsbürgern zu gewinnen. Auf der anderen Seite ist ein ähnliches Defizit entstanden, weil sich niemand, außer mit hurtigen Persilscheinen für eine „Allianz für Deutschland“ darum bemüht hat, der Masse der DDR-Bevölkerung, die keine persönlichen Erinnerungen mehr an die Zeit vor 1933 haben kann, den normativen Gehalt der im Grundgesetz verkörperten demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien nahezubringen. Das war übrigens der kritische Sinn von Schilys Banane.

2. Die Logik von Wahlkämpfen

Dabei wäre eine von ethisch-politischen Gesichtspunkten bestimmte Diskussion durchaus am Platze gewesen, statt den Wählern eine Finanzierung der Einheit ohne Steuererhöhung weiszumachen. Man hätte an die Solidarität derjenigen appellieren müssen, die durch den Zufall des Geburtsortes das bessere Los gezogen hatten und nicht wie die anderen von der sowjetischen Siegermacht für die im Kriege begangenen Barbareien in Haft genommen worden sind. Man hätte auch Verständnis für das Problem wecken können, das sich für unsere osteuropäischen Nachbarn dadurch ergibt, daß nun die Wohlstandsgrenze einfach an die Oder-Neiße-Grenze verschoben werden soll. Man hätte die subtile Balance prüfen können, die zwischen den speziellen Verpflichtungen gegenüber Landsleuten und der Solidarität für ein unter schweren wirtschaftlichen Hypotheken sich befreiendes Osteuropa eingehalten werden muß.

Aber diese Themen hat allenfalls der Bundespräsident anklingen lassen. Andere haben das Programm nach der durchsichtigen Logik von Wahlkämpfen abgewickelt und die Signale ans aufgeklärte Eigeninteresse in Floskeln eines aufgesetzten Nationalismus eingekleidet. Sie haben den westdeutschen Bürgern zwar nationale Stereotype, aber keine normativen Dispositionen zugetraut. Eine kluge instrumentelle Praxis hat gewiß auch Argumente für sich. Erst das Gefälle zwischen dieser Praxis und den ebenso großen wie hohlen Worten macht den umarmend-ausbeutenden Stil des neudeutschen Umgangs zwischen West und Ost so unappetitlich.

Ich erinnere an diese Stoßrichtungen der Kritik nicht, um nachzukarten. Der Einigungsprozeß ist nun einmal nach dem Szenario des Kanzleramtes abgelaufen. Ich bin aber so unverbesserlich zu glauben, daß man die Probleme, die nach diesem Fahrplan heute, wie man sieht, auf uns zukommen, besser bewältigen kann, wenn man sich über das normative Defizit der überstürzten Anfahrt Rechenschaft abgibt.

Lange bevor der Golfkrieg aktuell wurde, sind neue Debatten eröffnet worden – schon im November 1989. Damals erschien ein einflußreicher Artikel mit der Überschrift „Schweigende Wortführer“. Darauf geht die Legende zurück, daß die Intellektuellen, besonders die linken, in „dröhnendes Schweigen“ verfallen seien – so liest man es noch ein Jahr später in der Süddeutschen Zeitung. Ein kurzer Blick in den Stapel von Zeitungsausschnitten, der sich während des vergangenen Jahres auf meinem Schreibtisch angesammelt hat, lehrt das Gegenteil. Es wäre ja auch kaum zu verstehen, wenn ein Prozeß dieser Größenordnung nicht eine Flut von öffentlichen Diskussionen ausgelöst hätte. Daß unserem wortblassen Kanzler zu den geschichtlichen Vorgängen nur die Tautologie eingefallen ist, sie seien „historisch“, mag noch hingehen. Aber auch im Bundestag ist kaum ein geformter Satz gefallen. Die einzige Rede von rhetorischem Format und politischer Substanz hat Antje Vollmer gehalten. Vor diesem grauen Hintergrund machten die Intellektuellen eine ganz gute Figur. Geschwiegen hat kaum einer. Hinter der Legende vom – verlegenen? – Schweigen der Intellektuellen verbirgt sich wohl eher ein Unbehagen darüber, daß die Linken unter ihnen nicht die rechte Begeisterung haben erkennen lassen.

Mich erstaunt freilich, daß auch Ralf Dahrendorf in diesen Chor eingestimmt hat. Er hielt es für mehr als nur einen Schönheitsfehler, daß den Intellektuellen des Landes die ganze Richtung nicht paßte: „Wenn den Politikern schon die Worte ausgehen, sollte zumindest die redende und schreibende Zunft sie finden. Statt dessen sät die Zunft Zweifel...“ (Merkur, Oktober/November 1990; 825). Die Rede vom „Versagen der Intellektuellen“ ist aus Dahrendorfs Mund um so erstaunlicher, als er selbst auf „den konstitutionellen Rang des Geschehens“ und damit auf jene normativ-rechtliche Dimension aufmerksam machte, die doch nach Meinung der gescholtenen Intellektuellen im kurzsichtigen Management der Verwalter keine Beachtung gefunden hatte. Dahrendorf operiert übrigens mit derselben Unterscheidung zwischen der Nation gleichberechtigter Staatsbürger, auf der ich ein halbes Jahr zuvor beharrt hatte: „Die deutsche Einheit ist eine Verfassungsaufgabe. Sie hat es mit Bürgerrechten zu tun und mit den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft. Citizenship und civil society können auf diese Weise (wieder, wie zuletzt im Vormärz) zu Vokabeln werden, die auch in ihrer deutschen Version einen unzweideutigen, radikalen und liberalen Sinn haben.“

Im übrigen hatten die Linken für ihre Skepsis auch andere Gründe. Sie verbinden nämlich mit den Begriffen wie citizenship und civil society noch etwas anderes als die Altliberalen des Vormärz. Die westeuropäische Linke hat sich durch diese nicht zufällig von Dissidenten wiederentdeckten Ideen anregen lassen. Für sie bedeutet civil society so etwas wie die gesellschaftliche Basis für eine vitale, zwischen Ökonomie und Staat fungierende öffentliche Kommunikation, in der sich die Staatsbürgerschaft bewähren soll.

Die Linken wissen wenigstens, daß sie lernen müssen – wenn auch noch nicht genau, was. Sie haben, wenn schon nicht die Antworten, so wenigstens die Themen beim Wickel, die die anstehenden Debatten beherrschen werden. Das vielleicht wichtigste davon sind die drängenden Übergangsprobleme eines neuartigen Systemwechsels vom Staatssozialismus zur Marktwirtschaft. Die nachholende Revolution wirft kein neues Licht auf unsere alten Probleme – aber diese stellen sich doch im Lichte einer veränderten Situation.

Es sind eher konservative Intellektuelle, die im Jahre 1990 der veränderten Situation ihre alten Interpretationen übergestülpt haben. Da entdeckte beispielsweise ein Heideggerianer im „Wahnsinn, Wahnsinn“ des 9. November den Kairos, den der Meister 1933 schon einmal verfehlt hatte. Ein

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Neoaristoteliker sah mit dem Nationalstaat jenen Traum von substantieller Sittlichkeit in Erfüllung gehen, den er immer schon gegen den Alptraum des abstrakten Verfassungspatriotismus ins Feld geführt hatte. Und ein hervorragender Kenner des Deutschen Idealismus begriff die zeitgenössischen Ereignisse als ebenso viele Hinweise auf jene deutsche Republik, die unsere Besten um 1800 in Gedanken schon einmal vergeblich erfaßt hatten. Der Historiker, der auf Einladung der Deutschen Burschenschaften zur Wartburg eilte, um von 1817 den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, hatte immer schon die Großväter vom Makel des deutschen Sonderweges befreien wollen.

Auf die nämliche Weise wollte die Polithistorikerin, die sich vom konservativen Feuilleton gerne als angeheiratete Sozialdemokratin vorstellen läßt, die verlorenen Schlachten von gestern gewinnen. An ihrem Artikel (aus der FAZ vom 12. Dezember 1990) zeigt sich das Bedürfnis, die Geschichte der Bundesrepublik neu zu schreiben. Obgleich diese Republik ihren vergleichsweise liberalen Zustand von heute jenem 1968 von der Jugendrevolte breitenwirksam ausgelösten Einstellungswandel verdankt, liest sich der Kommentar zur 68er-Generation so: „Die intellektuell erfaßte Zweistaatlichkeit und das emotional erfahrene Wohlleben sind eine unselige Verbindung eingegangen. Die Überheblichkeit, die daraus erwuchs, hat den Achtundsechzigern – denen, die politisch überlebten – einen Streich gespielt und sie gehindert, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Die Geschichte hat sie überlistet – und abgewählt... Ihr Erbe wird nicht weitergetragen. Es ist versunken und ihr Blick nun frei – auf jene Generation, die 1989 und 1990 geprägt worden ist.“

Antje Vollmer hat auf ihre sanfte Art die Akzente anders gesetzt und gezeigt, warum sich politische Biographien nicht so schlicht nach dem Geburtsdatum ordnen lassen. Ihr kommen die Bonner Erfahrungen und Biermanns Deutung von Daedalus und Ikarus zugute, wenn sie statt dessen die Typen, die das Sitzfleisch haben, von denen unterscheidet, die tatsächlich aufgebrochen sind. Jener Fall von Generationsarithmetik, wonach der Großvater und seine Enkel eine Koalition eingehen, weil sich beide Seiten im Affekt gegen die aus der Art geschlagene Zwischengeneration finden, mag ja vorkommen – aber eher im Feuilleton als in der Wirklichkeit.

Meine Generation, die nach dem Kriege alle Chancen bekam und nutzte, hat die intellektuelle Szene ungewöhnlich lange beherrscht; das ist in der philosophischen Fakultät nicht anders als in der Literatur. Das hat auch nichts mit mangelnden Talenten zu tun; die nachwachsenden Intellektuellen sahen eben in der historischen Stunde, als sie zum Zuge kamen, keinen Grund, gegen die unmittelbar Vorangehenden zu rebellieren und einen neuen Anfang zu proklamieren. Es ist ganz natürlich, wenn das jetzt geschieht. Skurril ist, wie es geschieht. Unter dem Vorwurf der „Gesinnungsästhetik“ werden die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten prominent gewordenen Schriftsteller als „staatstragend“ abserviert. Im allgemeinen wird ja Literatur durch Literatur verdrängt; jetzt wollen ihr’s die Literaturkritiker alleine besorgen.

Im übrigen war die Literaturdebatte um Christa Wolf ein gutes Beispiel für das Repetitive der eingefahrenen Sandkastenspiele. Jenes Feuilleton, das sich seit Jahrzehnten um die Rehabilitierung unserer jungkonservativen „Reichswortgewaltigen“ verdient gemacht hat, beeilte sich nach Öffnung der Mauer, Peter Rühmkorfs Erwartung zu erfüllen, „daß man den Sozialismus jetzt mal ordentlich entgelten läßt, was man seinerzeit an den Nazis versäumt hat“. Aber der Subtext der ganzen Debatte ist von noch älterer Machart. Endlich glaubte man, die Intellektuellen in Ost und West gleichzeitig an der Stelle zu haben, wo man sie des gemeingefährlichen Utopismus überführen und als die wahren Feinde des Volkes entlarven kann. Ivan Nagel hat das wohl ganz richtig als „Schädlingsbekämpfung“ verstanden: „Man versteht die Neubewertung der Literaturen der DDR und der Bundesrepublik als eine praktische Aktion: zwei (Schmeiß-) Fliegenschwärme mit einer Klappe.“ (Süddeutsche Zeitung vom 22./23. Dezember 1990)

Dieter Oberndörfer, der Freiburger Politologe, kam in seiner Analyse der ersten gesamtdeutschen Wahl zu dem Schluß, daß sich eine Parteienlandschaft herausschäle, die erstaunlich den Konstellationen der fünfziger Jahre ähnelt. Das gilt natürlich nur für die aggregierten Größen, nicht für die zugrunde liegenden Strukturen, die ganz anders aussehen. Wie hier, so verhält es sich allenthalben: Das täuschende déjà vu wird geschichtswirksam. Die „Wessis“ reagieren ja auf manche habituellen Eigentümlichkeiten und mentalen Züge ihrer Brüder und Schwestern aus dem Osten so allergisch, weil sie sich darin selbst wiedererkennen. Es steigen Bilder auf aus den eigenen Anfangsphasen, als die deutschen Sekundärtugenden aus ihrer politischen Verbrämung – und Verbräunung – hervortraten und aggressiv ins geschichtslose Private ausschlugen.

Die Bilder von damals, als der Nationalstolz lautlos in den Wirtschaftsstolz überging, kamen nach dem November 1989 wieder und nehmen seitdem die Phantasie in Beschlag, deren Beweglichkeit für die Bewältigung von Zukunftsproblemen doch nötig wäre. Allerdings könnte gerade das unerhört Neue eines solchen Übergangs vom bankrotten Staatssozialismus zum entwickelten Kapitalismus diese Neigung zur Regression erklären. Als man sich mit den ersten Propellerflugzeugen in die Lüfte erhob und lernte, wie man sich in den Ungewißheiten eines neuen Elementes zurechtfindet, hat diese erste Generation die Luftschiffahrt in Begriffen interpretiert, die aus der Seeschiffahrt seit langem vertraut waren. Eine wortmagische Bezähmung der Angst vor unbekannten Risiken. Daran fühlte ich mich beim beschwörenden Rückgriff auf das Modell der Währungsreform von 1948 erinnert; die war ja unter völlig anderen Bedingungen realisiert worden und taugte nicht zum Modell. Denken Sie an die politischen Werbespots von Ludwig Erhard und seinem Dackel, die der Regierungssprecher Klein für den Volkskammerwahlkampf hatte vorbereiten lassen: Vergangenheit als Zukunft. Natürlich sind die neunziger Jahre nicht die fünfziger Jahre. Aber die Neigung, Modelle der Vergangenheit als Muster der Interpretation des Künftigen zu wählen, scheint unwiderstehlich zu sein. Ein bewußter Akt der Verfassungsgebung hätte eine zukünftige Vergangenheit geschaffen. Statt dessen wird die Zukunft in der Vergangenheitsform wahrgenommen – packen wir’s, so wie wir es schon einmal gepackt haben!

Auszug aus einem schriftlich geführten Interview Michael Hallers mit Jürgen Habermas, das in diesen Tagen in der Reihe „pendo-profile“, herausgegeben von Michael Haller, im Züricher pendo-verlag erscheint.