JÜRGEN HABERMAS Die andere Zerstörung der VernunftSeite 4/4
Im übrigen war die Literaturdebatte um Christa Wolf ein gutes Beispiel für das Repetitive der eingefahrenen Sandkastenspiele. Jenes Feuilleton, das sich seit Jahrzehnten um die Rehabilitierung unserer jungkonservativen „Reichswortgewaltigen" verdient gemacht hat, beeilte sich nach Öffnung der Mauer, Peter Rühmkorfs Erwartung zu erfüllen, „daß man den Sozialismus jetzt mal ordentlich entgelten läßt, was man seinerzeit an den Nazis versäumt hat". Aber der Subtext der ganzen Debatte ist von noch älterer Machart. Endlich glaubte man, die Intellektuellen in Ost und West gleichzeitig an der Stelle zu haben, wo man sie des gemeingefährlichen Utopismus überführen und als die wahren Feinde des Volkes entlarven kann. Ivan Nagel hat das wohl ganz richtig als „Schädlingsbekämpfung" verstanden: „Man versteht die Neubewertung der Literaturen der DDR und der Bundesrepublik als eine praktische Aktion: zwei (Schmeiß ) Fliegenschwärme mit einer Klappe (Süddeutsche Zeitung vom 22 23. Dezember 1990) Dieter Oberndörfer, der Freiburger Politologe, kam in seiner Analyse der ersten gesamtdeutschen Wahl zu dem Schluß, daß sich eine Parteienlandschaft herausschäle, die erstaunlich den Konstellationen der fünfziger Jahre ähnelt. Das gilt natürlich nur für die aggregierten Größen, nicht für die zugrunde liegenden Strukturen, die ganz anders aussehen. Wie hier, so verhält es sich allenthalben: Das täuschende dejo vu wird geschichtswirksam. Die „Wessis" reagieren ja auf manche habituellen Eigentümlichkeiten und mentalen Züge ihrer Brüder und Schwestern aus dem Osten so allergisch, weil sie sich darin selbst wiedererkennen. Es steigen Bilder auf aus den eigenen Anfangsphasen, als die deutschen Sekundärtugenden aus ihrer politischen Verbrämung — und Verbräunung — hervortraten und aggressiv ins geschichtslose Private ausschlugen.
Die Bilder von damals, als der Nationalstolz lautlos in den Wirtschaftsstolz überging, kamen nach dem November 1989 wieder und nehmen seitdem die Phantasie in Beschlag, deren Beweglichkeit für die Bewältigung von Zukunftsproblemen doch nötig wäre. Allerdings könnte gerade das unerhört Neue eines solchen Übergangs vom bankrotten Staatssozialismus zum entwickelten Kapitalismus diese Neigung zur Regression erklären. Als man sich mit den ersten Propellerflugzeugen in die Lüfte erhob und lernte, wie man sich in den Ungewißheiten eines neuen Elementes zurechtfindet, hat diese erste Generation die Luftschiffahrt in Begriffen interpretiert, die aus der Seeschiffahrt seit langem vertraut waren. Eine wortmagische Bezähmung der Angst vor unbekannten Risiken. Daran fühlte ich mich beim beschwörenden Rückgriff auf das Modell der Währungsreform von 1948 erinnert; die war ja unter völlig anderen Bedingungen realisiert worden und taugte nicht zum Modell. Denken Sie an die politischen Werbespots von Ludwig Erhard und seinem Dackel, die der Regierungssprecher Klein für den Volkskammerwahlkampf hatte vorbereiten lassen: Vergangenheit als Zukunft. Natürlich sind die neunziger Jahre nicht die fünfziger Jahre. Aber die Neigung, Modelle der Vergangenheit als Muster der Interpretation des Künftigen zu wählen, scheint unwiderstehlich zu sein. Ein bewußter Akt der Verfassungsgebung hätte eine zukünftige Vergangenheit geschaffen. Statt dessen wird die Zukunft in der Vergangenheitsform wahrgenommen — packen wirs, so wie wir es schon einmal gepackt haben!
- Datum 10.05.1991 - 08:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 10.5.1991 Nr. 20
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