Historiker sind Schreibtischmenschen. Sie sammeln, interpretieren, schreiben. Sie stöbern in Archiven und Bibliotheken. Die wenigsten von ihnen sind Kämpfer. Allenfalls kämpfen sie um einen Lehrstuhl. Marc Bloch, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Sorbonne, war eine Ausnahme. Als 1939 der Krieg ausbrach, meldete sich der bereits 53jährige sofort zum Militär. Dort erlebte er die zögerliche französische Kriegsführung, die nicht unwesentlich zur totalen militärischen und politischen Niederlage der Dritten Republik beitrug. In einem Manuskript mit dem Titel „Die merkwürdige Niederlage“ zog Bloch 1940 Bilanz. Seine schonungslose Kritik richtete sich aber nicht nur gegen die alten konservativen Eliten; auch die Intellektuellen, so Bloch, hätten die Katastrophe mit verschuldet, weil sie sich im Elfenbeinturm der Wissenschaft verschanzten. „1919/20 und danach haben wir viel zu viele Dummheiten zugelassen, ohne zu protestieren“, schrieb er an seinen Historiker-Kollegen Lucien Febvre. „Wir haben unsere Seele verkauft, um in Ruhe geistig arbeiten zu können. Wir haben versagt.“

Diesen Vorwurf wollte sich Bloch nicht noch einmal machen müssen. Er nahm zwar 1940 eine Einladung an die New School of Social Research in New York an, die ihm sicheres Asyl geboten hätte, aber bürokratische Hindernisse und vor allem Blochs eigene Bedenken führten zu immer neuen Aufschüben. Trotz aller Gefahren wollte er Frankreich offenbar nicht verlassen. Als ehemaliger Frontkämpfer und renommierter Sorbonne-Professor durfte er zunächst auch noch – trotz der antisemitischen Gesetze der Petain-Regierung – in Clermont-Ferrand und dann in Montpellier weiter lehren. Erst als die Wehrmacht im November 1942 die „freie Zone“ besetzte, mußte er untertauchen. Schon vorher, so scheint es, hatte er Kontakt zur Résistance aufgenommen. Fortan widmete er sich ganz dem Kampf gegen die Besatzer, wobei ihm Archivreisen und seine Gelehrtenarbeit als Tarnung dienten. Bloch schrieb Artikel für die Untergrund-Presse und baute einen Nachrichtendienst auf. Am 8. März 1944 wurde er in Lyon von der französischen Miliz verhaftet und der Gestapo übergeben, die gerade einen neuen Chef bekommen hatte: Klaus Barbie. Bloch, der kleine ältere Herr mit der Nickelbrille und der angegriffenen Gesundheit, wurde als Resistance-Führer eingestuft und besonders schwer gefoltert. In der Nacht vom 16. Juni, zehn Tage nach der Landung der alliierten Truppen in der Normandie, wurden er und achtundzwanzig andere Gefangene mit einem Lastwagen vor die Stadt gebracht und erschossen.

Marc Bloch, der kämpferische, der kämpfende Intellektuelle, hat durch seinen Tod nicht nur viele seiner Fachkollegen beschämt, sondern auch die Nachgeborenen tief beeindruckt. Obwohl er keineswegs Marxist war, sondern ein konsequenter linksliberaler Demokrat, wurde er für mehrere Generationen linker Geschichtsstudenten zum Vorbild. Sein doppeltes wissenschaftliches und am Ende auch politisches Engagement wurde immer wieder geschildert. Aber es fehlte eine umfassende Biographie. Mit dem Buch von Carole Fink liegt sie nun vor. Detailversessen hat die amerikanische Historikerin Blochs Lebensweg rekonstruiert: das jüdisch-elsässische Elternhaus (Blochs Vater war Althistoriker an der Sorbonne), die Studienjahre in Paris, Leipzig, und Berlin, die Fronterfahrungen im Ersten Weltkrieg, die Berufungen nach Straßburg (1919) und an die Sorbonne (1936), schließlich die erneute Mobilisierung und die letzten, opferreichen Lebensjahre.

Auch Blochs bahnbrechende wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der mittelalterlichen Sozial-, Agrar- und Mentalitätsgeschichte werden ausführlich gewürdigt. Nicht wenige methodische Standards, die heute als selbstverständlich gelten, wurden durch ihn erst begründet. Seit 1929 stand dabei ein Projekt im Mittelpunkt, das bis heute fortgeführt wird und noch immer die internationale Geschichtswissenschaft prägt: die Zeitschrift Annales, die Bloch gemeinsam mit Lucien Febvre begründete und herausgab. Beide haben die innovative Zielsetzung dieses Außenseiter-Unternehmens energisch vertreten: Die alte, verstaubte Politik- und Geistesgeschichte sollte durch unkonventionelle und im weitesten Sinne gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen sowie durch die Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Methoden aus Ökonomie, Geographie, Anthropologie, Linguistik von Grund auf „revolutioniert“ werden. Mit enormer Energie und Arbeitsdisziplin hat Bloch sich diesem Werk gewidmet. Durch seine vorbildlichen Bücher, aber auch durch über tausend Buchbesprechungen hat er das neue „Paradigma“ immer wieder praktisch vorgeführt.

Leider kommt dieser Aspekt in Carole Finks Biographie etwas zu kurz: Gegenüber dem Citoyen Marc Bloch tritt der Historiker allzusehr zurück. Sein Alltag als Forscher und Autor, die Schreibtischarbeit und die ständige Suche nach neuen, angemessenen Formen der Darstellung werden nur oberflächlich referiert. Damit fällt das Buch leider hinter die von Bloch selbst formulierten methodischen Ansprüche zurück; der Historiker wird zum „Helden“ einer chronologischen Erzählung, die bei den Vorfahren beginnt und bei den Erben endet. Auch über den Redaktionsalltag der Annales erfahren wir kaum etwas Neues. Die umfangreiche ungedruckte Korrespondenz zwischen Bloch und Febvre wird zwar ausgewertet und zum Beleg für einzelne Aussagen angeführt, aber fast nie wörtlich zitiert: Dabei hätte hier die Möglichkeit bestanden, die extrem unterschiedlichen Temperamente und den eigentümlichen Denkstil der beiden Annales-Herausgeber sowie das Auf und Ab ihrer komplizierten Freundschaft näher zu beleuchten.

Wer sich für die Geschichte der sogenannten „Annales-Schule“ und die Genese ihres unkonventionellen Ansatzes interessiert, wird sich also anderswo umsehen müssen, vor allem in Fachzeitschriften. Denn eine umfassende und gültige Darstellung steht nach wie vor aus. Allerdings bieten zwei neue Publikationen Hinweise und interessante Diskussionsbeiträge: Der bekannte englische Historiker Peter Burke hat vor kurzem eine knappe, didaktisch gegliederte Darstellung der „französischen historiographischen Revolution“ vorgelegt – von der Gründung der Annales bis in die Gegenwart. Wer sich schnell und zuverlässig über die Geschichtsschreibung Marc Blochs und Lucien Febvres, aber auch Fernand Braudels, Georges Dubys, Jacques Le Goffs und vieler anderer informieren möchte, wird darin die wichtigsten Informationen sowie treffende Resümees und Kommentare finden. Auch die Bibliographie repräsentiert den neuesten Stand der Forschung. Daß eine solche kurze Synthese nur um den Preis einer oftmals holzschnittartigen Vereinfachung möglich ist, sei allerdings nicht verschwiegen. Kleinere Mängel mögen nur die Spezialisten stören, aber Burkes Konzentration auf die „großen Männer“ und ihre „wichtigsten Bücher“ ist nicht ganz unproblematisch. Die Annales-Schule wurde nicht zufällig nach einer Zeitschrift benannt. Deren Konzeption und Produktion hätte folglich mehr Aufmerksamkeit verdient. War nicht der „Geist der Annales“ stets auch das Produkt eines intellektuellen Netzwerks?

Was im Umkreis dieser Zeitschrift seit den zwanziger Jahren debattiert wurde, ist Thema eines französischen Buches mit dem Titel „Marc Bloch heute“. Es gibt die Materialien einer internationalen Tagung wieder, die 1986 zu Blochs hundertstem Geburtstag in Paris stattfand – auf Initiative des dortigen Deutschen Historischen Instituts. Acht von einunddreißig Beiträgen stammen denn auch von deutschen Autoren. Damit ergibt sich eine symptomatische und durchaus berechtigte Akzentuierung. Denn Marc Bloch, der Widerstandskämpfer, war in der Zwischenkriegszeit auch der beste französische Kenner der deutschen Geschichtsschreibung, ja vielleicht sogar, wie Karl Ferdinand Werner ausführt, ihr bester Kenner schlechthin. Mit nie nachlassendem Interesse, wenn auch mit zunehmender Enttäuschung und Distanz, hat er jahrzehntelang deutsche Veröffentlichungen rezipiert und in unzähligen Rezensionen und Literaturberichten kommentiert. Franz Irsigler zeigt außerdem, daß die von den Annales propagierte Form der Regionalgeschichte teilweise die gleichen Wurzeln hatte wie die zeitgenössische deutsche „Landesgeschichte“. Daß sie dann eine andere, weniger konservative Orientierung erhielt und längerfristig die neuen Entwicklungen der Nachkriegszeit – vor allem den Trend hin zur Mentalitätsgeschichte und Historischen Anthropologie – vorbereitete, war im wesentlichen ein Verdienst Marc Blochs. In zahlreichen Aufsätzen (von J. Le Goff, G. Bois, E. Le Roy Ladurie, L. Kuchenbuch, A. Burguiere und J. Cl. Schmitt und anderen) werden die von Bloch entdeckten oder erschlossenen Forschungsfelder beleuchtet.