Fred FrithMeister der krummen TakteSeite 2/4

Der zweite Teil des Abends: Der Brite Charles Hayward setzt sich ans Schlagzeug (er spielt auch Melodika, Mundharmonika und singt), der Kanadier Rene Loussier wechselt zwischen Bass und Gitarre (wie Frith). Jean Derome, auch aus Quebec, bläst Querflöte, Alt- und Tenorsaxophon. Zeena Parkins aus New York stellt sich hinter Harfe und E-Piano und schnallt sich das Akordeon um. Und Bob Ostertag, der Sampling-Spieler ohne Trafo? Setzt sich mit einem Buch auf einen Stuhl vor die Bühne. So was hat Osttirol auch noch nicht erlebt: einen Musiker von der Westküste Amerikas, der Tausende von Kilometern kommt, um dann vor seinem Publikum lautlos in einem Buch zu blättern.

Am nächsten Morgen um 9.20 Uhr warten sechs Musiker, eine Tontechnikerin, ein Journalist und 25 Gepäckstücke am Lienzer Bahnhof auf den Zug, der sie aus dem Tal der tief hängenden Wolken in die Sonne Italiens bringen möge. Fred erzählt, wie er einmal in einem bayerischen Ort namens „Obersomething“ spielen sollte und einen völlig leeren Saal vorfand: ohne Bühne, ohne Stühle, ohne Licht, ohne Anlage. Und als der alte Mann, der dort gerade feudelte, auf die Frage, wo sie übernachten würden, nach nebenan wies: in ein staubiges Verlies voller Unrat, da seien sie gleich weiter gefahren. Herzliches Gelächter auf Bahnsteig 2. Zwanzig Jahre als Musiker auf Tournee – wenn Anekdoten Banknoten wären, Fred Frith brauchte keinen Finger mehr zu krümmen.

Im Zug sitzt Fred unter seiner Mütze und sieht zu den Bergen rauf, die sich am Abteilfenster vorbeischieben. Wache Augen, kräftige Brauen, ein Gesicht, in das man gerne schaut. Seine Stimme ist angenehm, was er sagt nie langweilig, weil er über ein feines Gespür für Dramaturgie verfügt. Er nimmt mehr auf, als er von sich gibt; so könnte sich die Dichte und Offenheit seiner Musik erklären.

Auf dieser Tournee passiert es oft, daß „Step across the border“ am Tag vor dem Auftritt im Kino läuft. Der Film, der jetzt auch auf Video erscheint, hat eine starke Wirkung auf das Publikum; Leute, die sicher von Frith noch nie etwas gehört haben, wollen ihn plötzlich sehen.

Die Autoren, Nicolas Humbert und Werner Penzel, ordneten zwanzig Stunden Material, in zwei Jahren gedreht, zu neunzig Minuten Film, geschnitten im Rhythmus der Musik. Tokio, Osaka, Kioto, Verona, St. Remy de Provence, Leipzig, London, Yorkshire, New York, Zürich und Bern sind Schauplätze, zwei Dutzend Künstler wirken mit, japanische Mönche und Trommelbauer, Straßenschlachten, Schafe, Züge und seltsame Maschinen – alles, was Fred Frith auf seinen Reisen so begegnet. Eine Szene zeigt ihn auf einem Felsen stehend, Möwenschreie geigend, während die Möwen ihn umkreisen.

Zollkontrolle! Der Beamte rätselt, was die bolivianischen Stempel im Paß der Tontechnikerin zu bedeuten haben: „Aber mit Rauschgift handeln Sie nicht?“ Und die vielen Koffer? „Wir sind Musiker.“

Umsteigen! Gitarren, Harfe, schwere Geräte fliegen über den Bahnsteig. Aus dem schon abfahrbereiten Zug springt Fred, um die Tasche mit der Gage und allen Dokumenten gerade noch zu retten.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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