Selbst bei schlechten Konzerten: es bleibt diese Stimme – Bob Dylan wird 50 Jahre alt

Von Konrad Heidkamp

„Die Wahrheit? Das sind einfache Bilder, Bilder eines kotzenden Tramps neben Bildern von Rockefeller und eins von einem braven Bürger, der morgens zur Arbeit fährt. Einfach eine Collage von Bildern. Und gerade das – bringt keiner.“ (Bob Dylan zu einem Reporter von Time Magazine)

Oh, nein! Nicht schon wieder Bob Dylan! Als ich zum erstenmal Bob Dylan hörte ... Ich weiß noch... Damals hatten wir gerade ... Erinnerungen an Bob Dylan sind immer von diesem altbackenen, nach innen verklärt lächelnden Gesichtsausdruck begleitet, der den Zuhörer ins geschichtliche und emotionelle Abseits laufen läßt. Auf der Abiturfahrt im Bus, als Manfred an der Gitarre „The Times They Are A-Changin’“... Bei der Demo zwar „Ho-Ho-Ho Chi Minh“, aber abends, am „Eve Of Destruction“ die Schmuddelkinder und abwechselnd „Blowin’ In The Wind“ und „Sag mir, wo die Blumen sind“. Innig, verklärt oder verschämt – Protestkitsch, der darüber hinwegtröstete, daß selbst nach erfolgreichem Sit-in Persien und Vietnam immer noch so weit und Springer und der Hausmeister an der Uni so nah waren. Ende der ersten Phase.

Eine Stimme aus dem Publikum: „Judas!“ Die Stimme Bob Dylans: „I don’t beliiiieve you... You’re a liar... How does it feel? Ahhhh, how does ist feel? To be on your own? With no direction home? Like a complete unknown? Like a rolling stone!“

Endlich! Zwar konnten die klampfenden Stimmungsgitarristen noch immer „Mr. Tambourine Man“, „Just Like A Woman“ oder „I Want You“ nachgreifen, aber bei den übrigen Liedern war der engagierte Barde am akustischen Ende. Und vor allem: Die Texte waren kaum zu verstehen. „Youdontneedaweathermantoknowwhichwaythewind- blows“ konnte man noch mühsam entziffern, bei „try hard, get barred, get back, write braille, get jailed, jump bail, join the army, if you fail“ hinkte der Schulwortschatz den Dylanschen Salven so hoffnungslos hinterher, daß sich nur noch die Atempausen „look out kid, you’re gonna get hit“ einprägten.

Beginn der ersten Dylan-Spaltung: Diejenigen, die Gott auf ihrer Seite hatten und die Glocken der Freiheit läuteten – gegen diejenigen an der Kreuzung von Desolation Row und Highway 61, mit ihren surrealen Satzfetzen, die sie ihr Leben lang wie einen Kompaß vor sich hertragen konnten.