Die Neue Herzlichkeit
Ein Wegweiser durch heutige Sprachmanieren: Schroffe Lakonie hat ausgedient Von Dieter E. Zimmer
Diese vorbeugende Liebe fremder Mitmenschen dringt bereits in die Schlußformel vor und ersetzt dort die immer noch distanzierte Wohlgesonnenheit der freundlichen Grüße durch die warme Umarmung lieber Grüße. Wenn eines Tages auch die Wasserwerke die verschicken, werden sich die Partisanen der Herzlichkeit nach unverbrauchten Wendungen, nach schärferem Zeug umsehen müssen. Wahrscheinlich beehren sie uns dann mit heißen Küssen.
Das Tschuljung! lebt auf der Straße fort, aber wer auf sich hält und Kunden beschwichtigen will, wird sich mit ihm nicht mehr begnügen. Die Neue Herzlichkeit legt ihm eine ausführlichere Formel in den Mund: Wir bitten um Ihr Verständnis. Undenkbar, daß der Flugkapitän seinen Passagieren mitteilt: Tschuljung, wir müssen hier noch eine Weile herumkurven und können nicht pünktlich landen. Er bittet um Verständnis. Was sollen wir verstehen? Daß nicht mehrere Fluggeräte gleichzeitig auf der gleichen Landebahn niedergehen können? Kaum. Verstehen sollen wir, daß solche Mißhelligkeiten nicht seine persönliche Schuld sind und auch nicht die seiner Firma. „Sie wissen, die Zwänge." Aber alle diese Formeln haben den Hang, sich selbständig zu machen. Wenn uns in einem normalen Lokal die Kellnerin den Tomatensaft übers Hemd schüttet, dürfen wir auf ein normales Hoch, das tut mir schrecklich leid rechnen; passiert das gleiche in einem würdevolleren Etablissement, so kommt der Geschäftsführer und ersucht vornehm um unser Verständnis, und wir verstehen prompt, was an der Sache zu verstehen ist: daß es hier plempernde Kellner gibt.
Die Verständnisbitte kommt wahrscheinlich auch aus Amerika. Dort lautet die entsprechende Formel We appreciate your cooperation oder patience oder understanding (wir wissen Ihre Mitarbeit, Ihre Geduld, Ihr Verständnis zu schätzen). Beim Import nach Deutschland hat sich indessen ein erpresserisches Element eingeschlichen. Ehe mein Gegenüber auch nur weiß, ob ich zu verstehen überhaupt willens und fähig bin, bedankt er sich auch schon dafür, daß ich verstanden habe. Wollte ich bei meinem Ärger bleiben, so müßte ich in diesem Augenblick denken: Verständnis? Habe ich nicht. Ich verstehe gar nichts. Und hätte mich damit selber zum Trottel gestempelt.
Die Neue Herzlichkeit ist nicht auf einige wenige isolierte Formeln beschränkt. Sie weht allüberall. In dem bewußten Supermarkt brummelt die Kassiererin nur geistesabwesend den Preis; aber in dem netten, da wünscht sie einem morgens noch einen schönen Tag, von der Mittagspause an einen schönen Abend und ab Donnerstagnachmittag ein schönes Wochenende, und wenn man den Umstand, daß sie einem tatsächlich einen Fünfzigmarkschein wechselt, mit einem das ist nett oder gar das ist lieb von Ihnen quittiert, tut sie es sogar in Form eines vollständigen Satzes: Dann wünsche ich Ihnen noch ein schönes Wochenende.
Dem Bahnreisenden selbst der zweiten Klasse schallt alsbald schmeichelnd ein anderer vollständiger Satz ins Ohr: „Wir begrüßen Sie (das „wir" ist das sogenannte Team, eine andere sprachliche „Vermenschlichung" im Zuge der Neuen Herzlichkeit) im Intercityzug und wünschen Ihnen eine gute Reise. Der Herr, dem man eine aus seiner Zeitung gerutschte Werbebeilage aufhebt, sagt nicht etwa bloß danke oder danke sehr, sondern versichert freudestrahlend: Da bedanke ich mich aber. Die Firma, die die Skilifte betreibt, welche momentan wegen Nebels alle stillstehen, bittet auf der Anzeigetafel im Tal um Verständnis, das in diesem Fall auch nicht schwerfällt, tut aber ein übriges: Die Luftseilbahnen wünschen Ihnen einen guten Aufenthalt im Dorf. Wo früher kurz und bündig Rauchen verboten stand, hängt ein großes, buntes auf „lieb" gestyltes Plakat: Liebe Raucherin Lieber Raucher Bitte rauchen Sie nicht. . . Der Radioansager (der Moderator) wünscht dem Schlagersänger (dem Interpreten), den er gerade nach seinem Pudel befragt hat, noch weiter viel Erfolg und alles Gute und Schöne im Leben und haut dann seinem ihm unbekannten und unsichtbaren Publikum krachend, aber herzlich auf die Schulter: Machen Sie noch was aus Ihrem Tag. Wen er meint? Natürlich Sie und Sie und ganz besonders Sie. Und neulich hörte ich einen Sprecher des Postgiroamtes die Beschwerde, daß die Bearbeitungszeiten viel zu lang seien, wörtlich mit folgendem Satz beantworten: Wir beim Postgiroamt haben alle die ganz, ganz sehnsüchtige Hoffnung . . . (daß es in Zukunft schneller geht). Kein kaltes Amt; wir, ein Team, ein ganz hervorragendes Team sogar, denn kein einziger schert da aus, wir hoffen, und zwar nicht, wie Ämter so zu hoffen pflegten („wir hoffen auf baldige Erledigung"), sondern jeder von uns spürt höchstpersönlich den Funken der Hoffnung in seinem Herzen, geradezu ein banges und doch auch frohes Ziehen, das er als Sehnsucht identifiziert und vor dem er wieder (ganz, ganz) klein wird. Das ganze Postgiroamt eine Kinderschar in Erwartung des Christkinds. Woher stammen die Sprachmuster der Neuen Herzlichkeit? Den meisten ist ihre Herkunft noch gut anzusehen. Wie kommt ein gesetzter Medizinprofessor dazu, der dem Rundfunkredakteur gleich einige unerfreuliche Auskünfte über den Verlauf der Multiplen Sklerose geben wird, erst zu sagen: Einen guten Abend, Karl Friedrich Muckelmeier, und dann mit strahlender Stimme auch ins Unbekannte hinein zu grüßen: Einen wunderschönen Abend wünsche ich allseits? Es ist klar: Hier stand die Anbiederungssuada der Showmaster Pate: Ich freue mich von ganzem Herzen, Sie an diesem schönen Abend hier in dieser herrlichen Halle in dieser wunderschönen Stadt begrüßen zu können . . . Sie sind einfach ein großartiges Publikum .. .
Die andere ergiebige Quelle sind das, was man eigentlich für Fehlübersetzungen halten müßte. Eigentlich besagt die geltende Regel der Übersetzungskunst ja vernünftigerweise: Sprachtatsachen werden übersetzt, Kulturtatsachen nicht. Sie führt dazu, daß ein guter Übersetzer einerseits lucky dog (eine Sprachtatsache) nicht mit glücklicher Hund übersetzen wird, sondern mit Glückspilz; daß er andererseits den Tee, den man in England zum Frühstück trinkt (eine Kulturtatsache), nicht in Kaffee verwandeln wird, sein deutsches Pendant.
Ein guter Übersetzer würde für eine konventionelle Grußformel wie sincerely ihr Analogon in der Zielsprache nehmen, hochachtungsvoll oder mit freundlichem Gruß etwa. Ein weniger guter bemerkt Formeln und konventionelle Metaphern und stehende Redensarten gar nicht; er nimmt sie allesamt wörtlich und schreibt umstandslos ihre wörtliche Übersetzung hin. Es kommt ihm gar nicht in den Sinn, für die konventionelle mündliche Begrüßungsformel hello, how are you today? erst lange das angemessene deutsche Pendant zu suchen (Guten Tag, vielleicht mit der Ergänzung Wie geht es?). Er übersetzt schnurstracks wörtlich: Hallo, wie geht es Ihnen heute? Sein unermüdliches und alles durchdringendes Wirken — vor allem bei der deutschen Synchronisierung zahlloser amerikanischer Fernsehserien — führte dazu, daß die Telephonbegrüßung hallo inzwischen auch im Deutschen zum wohlgelittenen Substitut für guten Tag avanciert ist. Und so manche andere Formel verdanken wir ihm ebenfalls: Schön, daß Sie da sind. (Oder noch verräterischer:) Nett, Sie zu sehen. Sie sehen heute abend großartig aus. Wie ist alles? Ich hoffe, Sie hatten einen guten Aufenthalt. Ich möchte, daß Sie meinen Mann treffen (denn die Verben sehen und treffen machen unter diesem Einfluß eine erhebliche Bedeutungsverschiebung durch). Danke für das Kompliment (früher lächelte einer da nur stolz-bescheiden-verlegen). Haben Sie eine guteZeit (wo früher allenfalls Viel Spaß gesagt worden wäre). Passen Sie gut auf sich auf (das amerikanische take good care of yourself)! Danke, daß Sie gekommen sind. Wir sehen uns dann.
- Datum 31.5.1991 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 31.05.1991 Nr. 23
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