Emma, meine liebe Alte, und einziges Muttertier. Ich bleibe noch ein paar Tage hier in Berlin und deshalb schreibe ich. Ja, Deine Augen, aber Lore wird Dir vorlesen. Du erinnerst Dich vielleicht an meinen Brief von vor fünfzehn Jahren über eine Singerei in der Kirche. Ich schrieb ihn Dir damals aus der Chausseestraße rüber nach Hamburg. Der Brief war ein Bericht über ein Underground-Konzert in dieser Nikolai-Kirche der Stadt Prenzlau. Damals war’s mein erster und zugleich letzter Auftritt in der DDR nach elf Jahren. Und das provozierte dann eine Debatte im Politbüro über den lästigen Fall B. Ich sollte nun endlich ein- oder ausgesperrt werden. Wußtest du diese Details? Ich habe sie auch erst viel später erfahren und halb schon wieder vergessen. Mit zwei Stimmen Mehrheit (Erich und Erich) war damals beschlossen worden, daß ich nicht mit Gefängnis bestraft werde, sondern mit der großen Freiheit in Hamburg.

Nun schließt sich ein Lebenskreis. Ich wurde wieder eingeladen, in diese schöne uralte Backstein-Kirche. Die Gemeinde dort braucht Geld für den Wiederaufbau. Ich ließ mich gerne zotteln und fand es folgerichtig, an den Ort einer Tat zurückzukehren, die ja nicht nur für mich so dramatische Folgen hatte.

Der Innenraum des Gotteshauses ist evangelisch karg. Es war feuchtkalt in diesem gewaltigen Gemäuer. Der H-H-H-H-Hall in dieser heiligen Halle war höllisch. Aber das Menschenohr gewöhnt sich an jeden Gestank. Viele ältere Leute von damals waren gekommen, Jugendliche und auch halbe Kinder. Alle hatten sogar Eintritt bezahlt, obwohl in diesen wackligen Zeiten im Osten keiner gern das knappe neue Geld für Gereimtes ausgibt. Ich kam den Leuten nicht nur mit ollen Kamellen, ich sang ihnen eine Handvoll neuerer Lieder. Und predigte gottlos wie immer. Der Wolf ist kein Hirte, und die Leute da waren keine Schafe. Aber durch’n Wind, alle.

Liebe Emma, der sklavenselige Freiheitsrausch ist im Osten längst verflogen, und der Katzenjammer klingt auch schon ab. Übrig bleibt eine dumpfe Ratlosigkeit, eine ziellose Geschäftigkeit. Die Wutanfälle des befreiten Untertanen sind mehr ein resigniertes Klagen. Alles klein klein. Leise weinend kommt jetzt der banale bürgerliche Alltag.

Alle, die Opfer, die Täter und die westlichen Zuschauer, schwärmen davon, wie sanft, wie fließend, wie gewaltlos der Umbruch im Osten gelang. Das klingt gut und ist auch wahr. Es zeigt sich nur, daß nach einer Revolution, die so ganz ohne Revolution auskam, die alten Kastraten doch wieder den Ton angeben. Grad noch hatten, sie die Hosen voll, jetzt grinsen sie schon wieder und riskieren die große Lippe. Solide gewachsene Stasi-Mentalität und schnell dazugelernter Frühkapitalismus – so laufen die Herren von gestern rum. Wenn man das sieht, dann kommt man auf gefährlich französische Gedanken: Es gab zu wenig Guillotinen, zu wenig geschmückte Laternen, zu wenig Rache, zu wenig Schrecken, zu wenig Barbarei. Die alten Fressen haben nur ein neues Make-up. Die Oberen von gestern kriegen nicht mal eins aufs Maul. Das ist schlecht für die Seelenökonomie der Unteren.

Und darum so wenig brutaler Jubel und so viel feinsinniges Gejammer. Die Demokratie kommt den freigelassenen Leibeigenen nun vor wie die allerneueste Fron. Wenn die Welt auf dem Kopf steht, ist der Himmel eben eine Hölle. Jetzt, wo sie endlich das Maul aufreißen dürfen, merken manche, daß sie nichts zu sagen haben. Ein Leben lang kuschten die DDR-Deutschen vor der Stasi, und dann wunderten sie sich, wie leicht man zum weltgeschichtlichen Helden wird. Und kaum hatten sie wieder eine Stimme – schon gaben sie sie ab, so wie man den Löffel abgibt, und warfen sich Kohl an die Wampe. Ich gönne ihnen die Enttäuschungen.

Nun schwanken viele Landeskinder im Osten zwischen Provinzlerstolz und Weltschmerz. Leute traf ich, die blasen mit einmal Luftholen zugleich Kleinmut ab und Größenwahn. Mitleid ist wirklich das allerletzte, was die jetzt brauchen.