Im Kino schlafen, behauptet ein wunderschöner Spruch, heißt dem Film vertrauen. Denn das Kino ist ein Verwandter des Schlafs und ein Bruder der Träume. Man gibt sich hin, man gibt sich auf, man läßt sich fallen. Vergeblich wird man versuchen, den Moment festzuhalten, an dem man hinübertritt in jenes Reich, wo alles anders ist und alles gleich. Das ist der Ort, wo die Filme des Dänen Lars von Trier spielen. Aber er mißbraucht unser Vertrauen, denn der Schlaf, in den er uns versetzt, gebiert Ungeheuer. Mit den Helden bewegt man sich immer knapp unter der Wasseroberfläche der monströsen Träume und versucht aufzutauchen, um Luft zu schnappen. Aber aus dieser Welt gibt es kein Erwachen.

Mit einem Blick auf nächtliche Gleise öffnet „Europa“ seinen Schlund. Über den Rhythmus der vorbeihuschenden Schwellen legt sich eine beruhigende Stimme, die im Original Max von Sydow gehört. Sie zähle jetzt bis zehn, sagt die Stimme, und mit jeder Zahl würden die Augen und Arme schwerer und der Atem langsamer. Bei zehn sei man dann in Europa. So macht Trier die unausgesprochene Rede des Kinos hörbar, mit der uns jeder Film zu betören versucht, um uns dann im Dunkel zu verschlingen. Denn nicht nur bei Trier ist Kino Hypnose. Aber nur bei ihm wird man daran erinnert.

„Europa“ ist der letzte Teil der gleichnamigen Trilogie, die 1984 mit „Element of Crime“ begann und vier Jahre später unbemerkt (zumindest in Deutschland) mit „Epidemie“ fortgesetzt wurde. Alle Filme spielen an jenem unheilvollen Ort mit dem schönen Namen Europa, zu dem man nur auf dem Weg der Hypnose gelangen kann. In „Element of Crime“ schickt ein Hypnotiseur einen Polizisten dorthin zurück, damit er noch einmal durchlebt, wie er auf der Suche nach einem Serienmörder langsam dessen Identität angenommen hat. In „Epidemie“ lassen zwei Drehbuchautoren eine junge Frau von einem Hypnotiseur in das von ihnen erfundene Szenario versetzen, damit sie sieht, wie die dort beschriebene Seuche auf die Wirklichkeit übergreift. Und in „Europa“ führt die Hypnose in ein Deutschland nach Kriegsende, wo ein junger Amerikaner als Schlafwagenschaffner arbeitet und erfährt, wie er sich mit seinen eigenen unschuldigen Vorstellungen immer tiefer in die Schuld der anderen verstrickt.

Jedesmal glauben die Helden, sie könnten einfach ihre eigene Geschichte verfolgen und sich selbst heraushalten aus den Vorstellungen, die sie sich davon machen. Statt dessen werden sie von ihnen verschlungen. Die Wahrheit erkennen sie zu spät. So reisen sie alle ans Ende der Nacht, aber den Tag sieht keiner mehr.

Deutschland im Jahre Null: Die Schatten der Vergangenheit sind noch lebendig. Es gibt einen Widerstand, der immer wieder die Arbeit der Alliierten sabotiert und „Kollaborateure“ hinrichtet. Seine Mitglieder nennen sich Werwölfe. Es ist eine Welt der Phantome, durch die sich der junge deutschstämmige Amerikaner namens Leopold Kessler (Jean-Marc Barr aus Luc Bessons „The Big Blue“) bewegt. Deshalb kann er sich auch ungestört der Illusion hingeben, diese Art von Wirklichkeit ginge ihn nichts an. Er glaubt nur an seine eigene Geschichte, die Liebe zu Katharina (Barbara Sukowa), der Tochter des Direktors von Zentropa, für die er arbeitet. Die Warnungen ihres Bruders Lawrence (Udo Kier) ignoriert er, die Ratschläge des alliierten Oberst Harris (Eddie Constantine) versteht er nicht. Und so erfährt Leopold erst nach seiner Hochzeit, daß auch Katharina ein Werwolf ist.

Ihr Geständnis macht sie am Rande einer Modelleisenbahnanlage, auf der sie sich hinterher ihrem Gatten hingibt. Die Geste wirkt ungeheuer obszön, weil die Modellandschaft dem Bild ähnelt, das Bomberpiloten beim Angriff sehen. Auf diese Weise wachsen die Figuren über sich hinaus, werden zu Metaphern einer finsteren Vision, die der Welt ihre Geheimnisse zurückgibt. „Europa“ spielt gewissermaßen in einer vorgeschichtlichen Zeit, ohne der wirklichen Geschichte etwas von ihrem Schrecken zu nehmen. Der Film nimmt sich die Freiheit, einen Mythos von Europa zu beschwören, in dem auch die Greuel einen Platz haben. Wer das für zweifelhaft hält, tauscht nur die Alpträume Triers gegen eigene Träume aus.

Europa war bei Trier schon immer ein verfallener Kontinent, in dem es dauernd regnet und die Nacht endlos scheint. Faulig weht der Wind, in den Gewässern schwimmt Unrat, die Welt liegt in Scherben: Lars von Trier betreibt den Untergang des Abendlandes. Es gibt keine verbindlichen Perspektiven mehr, der Blick zerfällt in alle Richtungen. Bei „Europa“ hat Trier mit Mehrfachbelichtungen gearbeitet und bis zu sieben Bildschichten übereinandergelegt, wobei durch die Verwendung verschiedener Objektive Effekte wie in Hitchcocks „Vertigo“ entstehen. Eine gewaltige Einbildungskraft ist in diesem Film am Werk: Die Räume dehnen sich und fallen zusammen, die Dinge erglühen in Farbe und verdämmern im Dunst. Die Fluchtlinien der Bilder verwirren sich, die Blickwinkel widersprechen sich. So geraten die Hierarchien durcheinander, die Opfer werden zu Tätern, und Mörder fallen ihrem eigenen Werk zum Opfer. Leopold sprengt auf einer Brücke den eigenen Zug und versinkt mit ihm in den Fluten. Der Schläfer stirbt, ehe er wieder erwachen kann. So findet er seine Heimat in jenem Europa, das Lars von Trier als magischen Ort fürs Kino entdeckt hat. Es ist eine Reise wert.

Michael Althen