Ein Mann wie Voß

Er übersetzte Homer und die Marseillaise, kämpfte gegen die Leibeigenschaft in Deutschland und gegen die Volkstümelei der Romantiker – und wurde vergessen, verdrängt von einem Jahrhundert und in einem Land, dem die „nationale Identität“ wichtiger wurde als Freiheit und Menschenrecht: Johann Heinrich Voß

Von Michael Buselmeier

Als Johann Heinrich Voß am 17. Juli 1805 in Heidelberg eintrifft, scheint er am Ziel seiner Wünsche zu sein. Vom badischen Kurfürsten Karl Friedrich zu „tatenloser Mitwirkung“ an die gerade erneuerte Universität berufen, erhält er einen Ehrensold von 1000 Gulden jährlich zu seiner Eutiner Rektorspension von 600 Talern hinzu, die ihm sicher sind, solange er in Heidelberg als Berater im Hintergrund bleibt, also keine öffentlichen Vorlesungen hält. Der weithin berühmte Dichter, Übersetzer und Philologe ist 54 Jahre alt. Seine Frau Ernestine, Schwester des Schriftstellers Heinrich Christian Boie, und drei seiner vier noch lebenden Söhne sind um ihn. An den Freund Overbeck, der im Norden, „am schaudrichten Bärenkreise“ in Lübeck, zurückgeblieben ist, schreibt er im April 1806: „Wir befinden uns hier wie der Vogel im Blütenhaine der Bergstraße.“

Zwar ist er genötigt, fast zwei Jahre lang im Gasthof „Zum Riesen“ zu logieren, doch dann gelingt es ihm, die alte Anatomie zu erwerben. Sie liegt an der Plöck, auf dem Gelände des mittelalterlichen Judenfriedhofs, nahe der Universität, und ist von einem Garten umgeben. Darin verbringt der hagere Dichter seine Mußestunden, er pflanzt Melonen und Gurken, Pfirsiche und Weintrauben, liest die Steine von den Beeten und stampft sie auf den Wegen fest, klettert sogar in den Maulbeerbaum.

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Doch mit dem Kauf dieses kleinen Paradieses beginnt zugleich auch ein Streit, der fortan Voß’ Leben und Denken böse verschattet: Es ist die erbittert geführte Auseinandersetzung mit den romantischen „Dunkelmännern“. Clemens Brentano, der ein Jahr vor Voß nach Heidelberg gezogen war, hatte von diesem selbst gehört, er plane, das alte Haus für 2000 Gulden zu kaufen, und bot aus einer bösen Laune heraus dem Besitzer heimlich 400 Gulden mehr. Als Voß davon erfuhr, war er verletzt und beklagte sich beim Kurfürsten über den „Erzwindbeutel“, der „hier nicht gewünscht wird“. Und gab es zunächst auch noch manchen Umgang mit den Romantikern – man besuchte einander, diskutierte, veröffentlichte in denselben Organen, und Voß’ ältester Sohn Heinrich erhielt eine außerordentliche Professur am philologischen Seminar –, so kam es doch bald zum Bruch, als nicht Voß, sondern der romantische Mythologe und Lehrstuhlinhaber Friedrich Creuzer beauftragt wurde, einen Studienplan zu entwerfen.

Nun erst wurden substantielle Unterschiede sichtbar. Es war Creuzer gelungen, den Dionysos-Kult auf indische Ursprünge zurückzuführen; dies verleitete ihn dazu, die Herkunft sämtlicher Mythologien in Zentralasien zu vermuten, was Voß nicht nur als Irrtum, sondern als Täuschungsmanöver der „katholischen Propaganda“ erschien. Ein Zusammenhang zwischen orientalischer und okzidentalischer Religion bestünde nicht; die mythologische Forschung habe allein von Homer auszugehen.

Seine Überzeugungen pflegte Voß mit bäurischer Härte vorzutragen, und so nimmt es nicht wunder, daß er bald jeden Einfluß auf Organisations- und Berufungsfragen der Universität verlor. Die romantischen Geister zupften beständig an seinem Lorbeerkranz. Der persönliche Konflikt mit Brentano, der ihn als Philister und Regelfuchser verspottete, und die fachliche Kontroverse mit Creuzer über die „indischen Phantome“, die nicht frei von Konkurrenzneid war, ging in eine giftig gefärbte literarische Fehde auch mit Achim von Arnim und Josef Görres über. Sie bedienten sich für ihre Anti-Voß-Satiren („BOGS der Uhrmacher“) der neugegründeten „Zeitung für Einsiedler“, während Voß das bei Cotta in Stuttgart erscheinende Morgenblatt für gebildete Stände zu Hilfe kam, das den Dissens über Heidelbergs Grenzen hinaus zu einem grundsätzlichen Streit zwischen Aufklärung und (Spät-)Romantik, zwischen Vernunft und Chaos stilisierte.

Voß sah im Mittelalter nur das Irrige, Rückschrittliche, Gefährlich-Mystische und mahnte nicht zuletzt Freund Goethe, bei den klassischen Formen zu bleiben und nicht der „welschen Reimkünstelei“ des Sonetts zu verfallen. Als 1808 die Bände 2 und 3 von „Des Knaben Wunderhorn“ erschienen, ließ Voß alle Rücksicht auf Goethe beiseite, der den ersten Band der Liedersammlung 1806 laut gepriesen hatte: „Von Rechts wegen sollte dieses Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, am Fenster, unterm Spiegel oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden sein.“ Dieser „zusammengeschaufelte Wust“, konnte Voß nun im Morgenblatt nicht mehr länger an sich halten, sei „voll mutwilliger Verfälschungen“, ein „heilloser Mischmasch von allerlei butzigen, trutzigen, schmutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern“.

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