Mord vor dem Ofeo

Alle Jahre wieder beginnt im Juli die Mordsgaudi. Mit dem Fall Sedlmayer, einem menschenverachtenden Skandalstück, hat München sich im letztjährigen Sommerloch präsentiert und treibt damit auch heuer wieder Medienpolitik. Anders wirft sich da Frankfurt ins Rennen. Auch wir haben jetzt einen Mord und eine kleine innerstädtische Tratsch- und Klatschskandalgeschichte. Ja, der Fall ließe sich exemplarisch abhandeln unter den kulturkritischen Powerparadigmen „Skandal und Stadtkultur", „Trivialkultur und Mediengesellschaft" oder „Marxismus, Karriere und trotzdem gute Laune". Aber wir wollen nicht abhandeln, sondern informieren und ohne Infamie andeuten.

nach der Buchmesse, geht eines Abends Marizza Kühl quer über die im Stadtteil Bockenheim gelegene Hamburger Allee, um sich im Szene Lokal „Orfeo" mit der Privatdetektivin Ruth Maria von Kadell zu treffen. Ein Auto braust herbei, es fallen Schüsse, Frau Kühl stirbt, Frau von Kadell, ebenfalls zur Verabredung unterwegs, atmet tief durch und löst wenig später den Fall. Ihr Bruder hatte sie beauftragt, Antiquitätendiebe und Schieber zu ermitteln. In diesem Zusammenhang war die forsche Detektivin auf Frau Kühl gestoßen, die aber noch in einer anderen Bredouille steckte. Im Bahnhofsviertel wohnend (aha — Kriminalkultur im weiteren Sinne!), hat sie Ärger mit ihrem Hausbesitzer und früheren Freund, der sie aus der Wohnung schmeißen will (typischer Hausbesitzer, ekelhaft). Sie aber hat Material gegen ihn in der Hand und erpreßt ihn. Drum läßt er sie erschießen. Aber die Privatdetektivin ist schlauer, und der Mann wird verhaftet.

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Das ist die Frankfurter Sommerlochmordsgeschichte. Natürlich fand sie nicht statt. Sie ist fiktiv: ein im Juni erschienener Kriminalroman von Viola Schatten. Armes Frankfurt, nicht einmal ein richtiger Mord. Alles, was diese Stadt auszeichnet, ist fiktiv — von den Bewegungen an der Börse über die Kritische Theorie hin zum rot grünen Bündnis — ein Meer aus Fiktionen.

Doch diese künstlichen Gebilde haben es in sich. So auch unser Krimi, dessen Täter schlicht Detlev Mangell heißt und ein großer Dummschwätzer und Blödkopf ist. Die pikante Pointe besteht nun nicht in der sträflichen Denunziation des Mörders durch die Krimiautorin, sondern in der Tatsache, daß wir es hier mit einem Schlüsselroman zu tun haben.

Detlev Mangell ist ganz offensichtlich Diether Dehm, Musikagent, Texter und SPD Bundestagskandidat, kurz ein Frankfurter Überregionalmensch. Natürlich führt der Schlüsselroman auch allerhand anderes Personal aus Verlagen, Antiquitätengeschäften und Kneipen nur spärlich verschlüsselt vor. Schon im Frühjahr 1990 ließ Viola Schatten ein Buch los mit dem Titel „Schweinereien passieren montags"; der neue Krimi heißt „Dienstag war die Nacht zu kurz", und in beiden treten Menschen aus dem Suhrkamp Verlag, Volker Hauff und sein Assistent Jan van Trott auf, obwohl sie in Wirklichkeit schon wieder abgetreten sind, denn in Frankfurt wurde inzwischen für Oberbürgermeister das Rotationsprinzip eingeführt. Was da verschlüsselt durch den Krimi geistert, ist so langweilig wie Eierlikör — wenn Diether Dehm nicht war!

schrieb Bild: „Das BKA hats ermittelt, Frankfurt ist die Hauptstadt des Verbrechens Die Schlagzeile auf der Titelseite der Frankfurtausgabe aber lautete: „Sedlmayer. 2. Täter lacht in der Sonne. Die liebe Polizei machte es möglich "

Die Aufgabe des Gewaltverbrechens ist es, eine Meldung in der Informationsgesellschaft zu sein. So schrieb Bild schon Anfang der siebziger Jahre, Frankfurt sei die Stadt der „Mörder, Marxisten und Millionäre". Das sollte abstoßend klingen, führt heute aber zu einer fast mythischen Begebenheit. Denn Diether Dehm ist Marxist und Millionär, also fragte ihn die Bild Zeitung öffentlich nach Erscheinen des Krimis: „Sind Sie ein Mörder, Herr Dr. Dehm?"

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