Politische und künstlerische Probleme eines Neubeginns auf dem grünen Hügel

Von Bernhard Wördehoff

Dem Vorspiel auf der politischen Bühne fügte der Himmel eine letzte Prüfung hinzu: Sechs Wochen vor der Wiedereröffnung der Wagner-Festspiele im Sommer 1951 ging ein Unwetter über Bayreuth nieder. Die Gärtner der oberfränkischen Bezirksstadt meldeten Totalschaden, so daß die Nachbarschaft mit Blumenschmuck für das festliche Ereignis aushelfen mußte. Ärger noch war der Dachschaden, den das wiederhergerichtete Festspielhaus erlitt. Für 15 000 Mark konnte der Schaden behoben werden. Das war zu jener Zeit keine geringe Summe; Herbert von Karajan mußte sich für seine Festspieldirigate mit einer Pauschale von 12 000 Mark begnügen.

Dann aber, am 29. Juli 1951, war es soweit. Wie sooft, wenn es in Deutschland gilt, dem national erhabenen Moment die musikalische Weihe zu verleihen, erklang auch diesmal Beethovens 9. Sinfonie. Es gab Gründe, trotz Richard Wagners musikalischem Alleinvertretungsrecht auf dem grünen Hügel Beethoven den Vortritt einzuräumen: Wagner selber hatte anno 1872 bei der Grundsteinlegung für sein Festspielhaus die Neunte dirigiert, zusammen freilich mit dem eigenen, im Jahr zuvor aus aktuellem Anlaß komponierten Kaisermarsch.

Auf den wurde 1951 stillschweigend verzichtet. Das Oberhaupt des jungen Staates hatte sich ohnehin nationaler Repräsentationspflicht entzogen: Theodor Heuss unterhielt zum Werk Richard Wagners ein distanziertes Verhältnis; er gab zu Protokoll: Für mich bleibt Bayreuth die Stadt von Jean Paul (erst 1960 gab Heinrich Lübke als erster Bundespräsident den Festspielen die Ehre). Immerhin verzeichnete die Liste der Ehrengäste allerhöchste Herrschaften, nämlich die drei alliierten Hochkommissare McCloy, Kirkpatrick und François-Poncet. Hinter ihnen rangierten Bundesverkehrsminister Seebohm und Bundestagspräsident Ehlers aus Bonn. Der Auftakt mit Beethoven wurde von Wilhelm Furtwängler dirigiert. Furtwängler war 1944 zuletzt in Bayreuth gewesen, um während der letzten „Kriegsfestspiele“ das einzige Werk zu dirigieren, die „Meistersinger von Nürnberg“. Jetzt hatte er sich für die Salzburger Festspiele entschieden. Am Tage nach der Bayreuther Eröffnung kehrte er zurück nach Salzburg.

Die junge Bundesrepublik stak mitten zwischen Restauration und Neubeginn. Im Jahre 1951 beenden die drei Westalliierten den Kriegszustand mit Deutschland und beginnen mit Adenauer Gespräche über einen westdeutschen Verteidigungsbeitrag; es wird die Europäische Montanunion gegründet und für die deutsche Montanindustrie die Mitbestimmung beschlossen; das Auswärtige Amt wird wiedererrichtet, es beginnen Verhandlungen über die Ablösung des Besatzungsstatuts. Heinrich Böll erhält den Preis der Gruppe 47; von Wolfgang Koeppen erscheint „Tauben im Gras“, von Arno Schmidt „Brand’s Haide“, von Thomas Mann „Der Erwählte“; es werden die Filme „Die Sünderin“ und „Grün ist die Heide“ gezeigt; das erste Mickymaus-Heft mit deutschen Sprechblasen erscheint. In Darmstadt wird, elf Tage vor dem Tode des Komponisten, Arnold Schönbergs „Tanz um das Goldene Kalb“ aus seiner Oper „Moses und Aron“ uraufgeführt. Wie und wo ist in solches Mosaik die Wiedereröffnung der Wagner-Festspiele einzuordnen?

Die Deutschen haben gewählt