Von Tom Scott

Nach der Wende in der DDR ist es um Thomas Müntzer vorerst still geworden. Als Leitbild und Legitimationsfigur einer sozialistischen Gesellschaftsordnung fragt keiner mehr nach ihm. Im Westen braucht man sich der sperrigen Gestalt eines unbequemen Radikalen anscheinend nicht länger anzunehmen: Es darf nunmehr zur evangelisch-lutherischen Tagesordnung übergegangen werden. Das wäre allerdings voreilig, hatte sich doch bereits vor der Wende eine bemerkenswerte Annäherung in der Beurteilung Müntzers aus östlicher und westlicher Sicht abgezeichnet. Darüber geben die 1989 erschienenen Biographien der DDR-Autoren Gerhard Brendler und Günter Vogler Aufschluß.

Brendler, dessen Lebensbild Martin Luthers von 1983 auch außerhalb der DDR auf breite Zustimmung stieß, geht es um die geistige Einordnung Müntzers in die theologischen und kirchlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit. Werden dabei die Etappen seiner rastlosen Laufbahn etwas kursorisch, mitunter oberflächlich abgehandelt, so geht er doch mit beachtlichem Einfühlungsvermögen auf Müntzers Intentionen bei der Reform des Gottesdienstes während seines Allstedter Predigeramtes ein. Er rechnet mit dem damaligen Klerus recht unwirsch ab, wirft ihm gar „Gehirnwäsche sondergleichen“ vor. Damit sollte wohl das einheimische Publikum angesprochen werden, die Ausfälle wirken jedoch krampfhaft und überzogen, wie eine atheistische Pflichtübung..

Daß Müntzer es mit der Theologie ernst meinte, steht für Brendler allerdings außer Zweifel. Anstelle der herkömmlichen marxistischen Deutung eines revolutionären Vorkämpfers für das Proletariat tritt jetzt das Bild eines apokalyptischen Mystikers, dessen Vision seiner Zeit vorauseilte. Damit wird Müntzer auf den „äußersten linken Flügel“ der Reformation abgeschoben. Allein in seiner kämpferischen Bereitschaft, die bestehende Feudalordnung mit Gewalt zu stürzen, biete er noch ein revolutionäres Vorbild.

Ähnlich, wenn auch weitaus sachlicher und quellennäher, urteilt sein Berliner Kollege Günter Vogler. Der Theologe Müntzer wird vom Revolutionär zwar nicht abgekoppelt, sein soziales Engagement ergibt sich jedoch aus dem religiösen Anliegen, die Ordnung Gottes im Sinne des 1. Buches Mose (Genesis 1, 28-29) wiederherzustellen. Doch weist Vogler zugleich auf die gefährliche Kluft zwischen „Glaube“ und „Welt“ bei Müntzer hin. Beinahe dualistisch habe er den Siegeszug der von Gottes Geist erfüllten Auserwählten von den kreatürlichen Belangen dieser Welt getrennt, als ob es nicht darum ginge, die gottgeschaffene Welt zu erneuern, statt sie zu zerstören. Hier nimmt Vogler mancherlei Impulse der neueren nichtmarxistischen Forschung auf, ohne das marxistische Interpretationsgerüst von der „frühbürgerlichen Revolution“ preiszugeben.

Mit dem allmählichen Abbröckeln einer dogmatischen Müntzer-Deutung im Osten gingen auch manche Nuancierungen im Westen einher. Das Entweder-Oder – Theologe oder sozialer Revolutionär – ist einem Sowohl-Als-auch gewichen. Einen wesentlichen Anteil an dieser Umorientierung hat der Hamburger Sozialhistoriker Hans-Jürgen Goertz, der schon 1967 eine differenzierte Analyse von Müntzers theologischen Wurzeln in der spätmittelalterlichen Mystik vorgelegt hat. Diese Erkenntnisse liegen auch seinem neuen biographischen Versuch über Müntzer zugrunde.

Ausgangspunkt seiner Interpretation bildet Müntzers Gegenüberstellung vom „redenden“ und dem „stummen“ Gott, von Geist und Schrift. Der Autorität der Bibel setzt Müntzer den Empfang des Heiligen Geistes im „Abgrund“ der Seele entgegen, der allein durch Bekümmernis und Entsagung erfolgen kann: Es muß auch der bittere, gekreuzigte Sohn Gottes und nicht nur der honigsüße Christus im Herzen der Menschen nachempfunden werden, ehe der rechte gottesfürchtige Glaube einsetzt. Theologisch gibt dieser aus der Mystik abgeleitete Ansatz für Goertz den Ausschlag. Der Apokalyptik hingegen mißt er eine untergeordnete, eher geschichtsimmanente Rolle bei – auch hier setzt er sich von den geläufigen Deutungen ab. Die Klammer zwischen Theologie und Revolution liefert Müntzers Lehre und Praxis vom christlichen Verbündnis. Drei Bünde nach alttestamentlichem Vorbild im 2. Buch der Könige hat Müntzer in Allstedt und Mühlhausen gegründet. Unter der Regenbogenfahne des „Ewigen Bundes Gottes“ führte er dessen Angehörige aus Mühlhausen und Umgebung schließlich in den thüringischen Bauernkrieg. Die Einsicht, daß der Bund bei Müntzer als ein Mittel der Umsetzung vom Gedanken ins Handeln von fundamentaler Bedeutung ist, schlägt eine Brücke zu den minutiösen Untersuchungen von Siegfried Bräuer, dem Direktor der Evangelischen Verlagsanstalt in Ost-Berlin, der in selbstloser Weise seine Forschungsergebnisse den Historikern aus beiden Teilen Deutschlands stets zur Verfügung gestellt hat. Ihm ist es in großen Maße zu verdanken, daß sich die Müntzer-Bilder in Ost und West aufeinander zubewegt haben.