Kürzlich erklärte Bischof Lehmann, vom Augenblick der Empfängnis an sei das menschliche Leben ein „Individuum“. Individuum heißt auf deutsch: ein Unteilbares. Aber auch noch nach der Einnistung des Eis (die Einnistung beginnt etwa am siebten Tag nach der Empfängnis) kann bis zum zwölften Tag etwa eine Zwillings-, Drillings-, Vierlingsteilung erfolgen.

Bischof Lehmanns Feststellung hängt damit zusammen, daß die katholische Kirche seit Ende des vorigen Jahrhunderts ihre Auffassung über die Abtreibung geändert und sich damit in solche Schwierigkeiten gestürzt hat, wie sie in Lehmanns teilbar Unteilbarem oder unteilbar Teilbarem zum Vorschein kommen.

Bis Ende des vorigen Jahrhunderts war in der Theologie die Lehre von der sogenannten Sukzessivbeseelung vorherrschend. Sie geht auf Aristoteles zurück. Er meinte, die menschliche Beseelung des männlichen Fötus erfolge erst vierzig Tage nach der Empfängnis, die des weiblichen Fötus gar neunzig Tage später. In der christlichen Tradition änderte man die neunzig Tage des Aristoteles in achtzig Tage um, einer alttestamentlichen Anordnung Gottes folgend. Laut 3. Mose 12,1-5 ist die Frau nach der Geburt eines Sohnes vierzig Tage unrein, nach der Geburt einer Tochter achtzig Tage. Maria galt nach der Geburt Jesu vierzig Tage als unreif (Lukas 2,22).

Das katholische Kirchenrecht unterschied wegen der Sukzessivbeseelung zwischen dem fetus animatus und dem fetus inanimatus, also dem beseelten und dem unbeseelten Fötus. Nur die Abtreibung eines beseelten Fötus wurde mit der Strafe der Exkommunikation belegt. Da man das Geschlecht noch nicht feststellen konnte, wurde erst bei der Abtreibung eines achtzig Tage alten Fötus exkommuniziert. Die frauendiskriminierende Auffassung von der späten Beseelung – Menschsein ist danach eher männlich als weiblich – hatte also in der Abtreibungsfrage eine Fristenregelung von fast drei Monaten zur Folge. Ein Vorteil für die Frauen, was die Strafe für Abtreibung betraf.

Zwei Beispiele: Papst Innozenz III. († 1216) hatte den Fall einer Karthäusermönchsgeliebten, die auf Veranlassung des Mönchs abgetrieben hatte, zu entscheiden. Der Mönch sei keiner Tötung schuldig, befand er, falls der Embryo noch nicht „belebt“ war. Gemeint ist „beseelt“ im Sinne der aristotelischen Biologie. Die Carolina, die Peinliche Gerichtsordnung Karls V. von 1532, bestimmte in Artikel 133, daß Abtreibung der beseelten Leibesfrucht mit der Todesstrafe, Enthauptung für den Mann und Ertränken für die Frau, zu ahnden sei. Bei Abtreibung eines „Kindes, das noch nicht lebendig war“, das heißt vor der Beseelung, wurde eine leichtere Strafe gefordert, derenthalben „bei den Rechtsverständigen Rat“ gesucht werden sollte. Nur ein einziger Papst, der fanatische Sixtus V., hatte 1588 in seiner Bulle „Effreanatam“ Abtreibung vom Augenblick der Empfängnis an mit Exkommunikation, ja mit der Todesstrafe belegt. Aber ein Jahr nach seinem Tod wurde diese Entscheidung von Gregor XIV. 1591 wieder zurückgenommen.

Seit Ende des vorigen Jahrhunderts hat sich das Kirchenrecht der Vorstellung des fanatischen Sixtus V. angenähert: Die Exkommunikation tritt bei Abtreibung schon im frühesten Stadium, im Augenblick der Empfängnis ein. Die Unterscheidung zwischen fetus animatus und fetus inanimatus wird 1869 durch Pius IX. fallengelassen. Im Codex juris canonici (dem kirchlichen Gesetzbuch) von 1917 und 1983 findet sie sich nicht mehr.

Die Wende zur Simultanbeseelung, wonach schon im Augenblick der Empfängnis der Fötus seine menschliche Seele erhält, hängt wesentlich mit dem Marienkult, genauer: mit der Unbefleckten Empfängnis Mariens zusammen. Sie wird ständig mit der Jungfrauengeburt verwechselt. Neunundneunzig Prozent der Deutschen glauben, das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis beziehe sich auf den Zeitpunkt, an dem Maria Jesus vom Heiligen Geist empfangen hat. Sie bezieht sich aber auf den Zeitpunkt, an dem Maria von ihrer Mutter empfangen wurde. Gemeint ist mit dem Wort „unbefleckt“ nicht, wie viele glauben, die Abwesenheit von menschlichem Vater und Geschlechtsverkehr. Gemeint ist: keine Befleckung durch Erbsünde, wie sie bei allen anderen Menschen gegeben ist.