Vor sechzig Jahren in Berlin: Todfeindschaft zwischen Arbeitern und Polizei – Auch Ulbricht war in die Tat verwickelt

Von Wolfgang Zank

Der Tag war bis zum Abend wider Erwarten ruhig verlaufen. Auf dem Bülowplatz in der nördlichen Innenstadt Berlins versammelten sich zwar trotz polizeilichen Verbotes immer wieder Menschen, aber die Beamten des Polizeireviers 7 konnten sie ohne größere Mühe wieder zerstreuen.

Die Polizisten haben eigentlich mit mehr gerechnet, denn an diesem Sonntag, dem 9. August 1931, wird der Volksentscheid gegen die sozialdemokratische preußische Regierung abgehalten; die politischen Gruppen haben sich in letzter Zeit zum Teil mit äußerster Erbitterung bekämpft. Zudem ist am Vortag hier auf dem Bülowplatz der Klempner Fritz Auge von einem Polizisten erschossen worden. Mehrere Leute hatten den Beamten tätlich angegriffen; darauf zog er seine Pistole und verletzte einen der Angreifer mit einem Schuß in den Arm. Außerdem gab er, wie er sagte, einen Warnschuß in die Luft ab. Dieser „Warnschuß“ traf den Klempner laut Obduktionsbericht aus einer Entfernung von einem bis zwei Metern in den Rücken. Auge war, wie die meisten in diesem Viertel, Sympathisant der Kommunistischen Partei. Unmittelbar am Bülowplatz steht auch das Karl-Liebknecht-Haus, die mehrstöckige Zentrale der KPD.

In dem heruntergekommenen Proletarierviertel um den Bülowplatz ist die Polizei verhaßt. Die Beamten spüren es täglich. Häufig bekommen sie Drohbriefe. Als sie vor einiger Zeit eine Frau wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt festnahmen, schrie sie: „Ihr Arbeitermörder, Ihr seid dran, die Nächsten seid Ihr, wir werden Euch schon zeigen, der RFB [Roter Frontkämpferbund, die illegale paramilitärische Organisation der KPD] wird sich schon rächen. Ihr habt den Hahnert umgebracht, aber die nächsten seid Ihr.“ Im Dezember 1930 war in der Linienstraße der Arbeiter Hahnert erschossen worden.

In der gestrigen Nacht hat jemand mit Kreide an den Hauseingang zum Polizeirevier geschrieben: „Für einen erschossenen Arbeiter fallen zwei Schupooffiziere!!! Rot Front. R.F.B. lebt, nimmt Rache!“ Und an der Ecke Fransecky-/Hagenauer Straße, etwa anderthalb Kilometer vom Bülowplatz entfernt, steht: „Für jeden Kommunisten 2 Polizeibeamte.“

Die Beamten der Revierwache 7 sind an diesem Sonntag vollzählig im Dienst; es ist große Alarmstufe angeordnet worden. Durch Polizisten der Inspektion Alexander und des Gewerbeaußendienstes werden sie zusätzlich verstärkt. Schupohauptmann Paul Anlauf, der Leiter der Revierwache, ist gegen Mittag zusammen mit Polizeioberwachtmeister August Willig im Streifenwagen durch das Revier zu den einzelnen Wahllokalen gefahren. Alles war ruhig. Hauptmann Anlauf wird in der Gegend allgemein nur als „Schweinebacke“ tituliert – wohl eine Anspielung auf sein übergewichtiges Äußeres. Sein ständiger Begleiter Willig trägt den Spitznamen „Husar“ oder „Husaren-Ede“. In Gegenden wie dieser gehen die Polizisten grundsätzlich nur zu zweit auf Streife.