Von Christian Tenbrock

Nicht einmal die Wüste konnte bisher Grenzen setzen: Kein anderer Ort in Amerika wächst so schnell wie Las Vegas. Jeden Monat erreicht ein Treck von 5000 neuen Siedlern die Stadt der Spieler und der Casinos in der staubigen Öde Nevadas. Seit 1980 hat sich die Bevölkerung auf 800 000 Einwohner nahezu verdoppelt. Im Jahr 2030, so lauten alle Prognosen, werden 1,7 Millionen Menschen in Las Vegas leben.

Das Wachstum scheint schrankenlos, der Fortschritt unaufhaltsam. Für die Neuankömmlinge werden kleine Paradiese geschaffen. Mitten im trockensten Bundesstaat der USA stehen von sattem Grün umgebene Einfamilienhäuser am Rande künstlicher Seen. Plakate versprechen „Spaß am Strand“. Imme neue Siedlungen werden aus dem karstigen Boden gestampft. Sie tragen Namen wie „Mondlicht-Bai“ oder „Bucht am Mittelmeer“.

Die Wüste beginnt am Ende der Ausfallstraßen. Das Wasser des mächtigen Colorado River, der in vierzig Kilometer Entfernung an Las Vegas vorbeiströmt, hat die Stadt groß gemacht. Aber jetzt stößt sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte an Grenzen. Las Vegas trocknet aus. Ohne neue Quellen und einschneidende Sparmaßnahmen kann schon 1995 der Wasserbedarf nicht mehr gedeckt werden.

Ein Konflikt von fast epischem Format ist die Folge. In ihm steht der alte gegen den neuen Westen, das urbane gegen das ländliche Amerika. Mit einem 1600 Kilometer langen und fast zwei Milliarden Dollar teuren Pipeline-System will Las Vegas unterirdische Reservoirs in den ländlichen Kreisen Nevadas anzapfen. Cow counties, Rinderbezirke, werden in der Stadt diese spärlich besiedelten Gebiete verächtlich genannt.

Gier und Wachstumsfetischismus regierten Las Vegas, setzen die Rancher in Nye County dagegen. Sie fürchten, daß sich in ihrem Land wiederholt, was Hollywood in dem Film „Chinatown“ beschrieben hat: Vor siebzig Jahren riß Los Angeles die Wasserrechte im kalifornischen Owens Valley an sich, trostlose Dürre war das Resultat.

„Wer Wasser kontrolliert, kontrolliert die wirtschaftliche Zukunft“, meint in Nevadas zweitgrößter Stadt Reno der Gutachter Stephen Bradhurst. Wie wahr dies ist, zeigt die Entwicklung im südlichen Kalifornien. Nach fünfjähriger Dürre mußten in den Boom-Regionen um Los Angeles und San Diego einige Gemeinden einen Baustopp verhängen: Wasserwerke weigerten sich, neue Anschlüsse zu verlegen. Wasser, sagt der Bürgermeister der kalifornischen Stadt Carmel, der Filmschauspieler Clint Eastwood, „entscheidet über Lebensqualität“.