Von Joachim Reiner

Er schweigt, obwohl er sich sonst gern reden hört: Der Mann von kleinem Wuchs mit geschniegeltem Fassonschnitt und Bart gehörte zu den Großen auf dem Markt der Kinderpornographie. „Porno-Lothar“ hieß er schon, als er noch Geschäftsführer eines Kölner Pornoladens war, „Ratte“ nannte man ihn im Jargon der Schmuddelszene, seit er sich als freier Unternehmer versuchte – mit dokumentierten Verbrechen an Kindern. Dreimal ist „Porno-Lothar“ einschlägig vorbestraft, dreimal billig davongekommen, das letzte Mal mit zwanzig Tagessätzen zu fünfzig Mark. Die hat er – so schätzen Kenner des florierenden Marktes – mit dem Verkauf von zwei besonders widerlichen Videos im Handumdrehen wieder kassiert.

„Hätten die Bullen mir nicht alles weggeräumt“, hat der Pornohändler einmal zwischen zwei Prozessen in einem Interview gesagt, „wäre ich längst Millionär.“ Doch nun, da ihm zum vierten Mal ein Prozeß wegen Verbreitung verbotener pornographischer Schriften gemacht wird, schweigt er sich aus. Vor dem Amtsgericht in Bergisch Gladbach, wo der Vorsitzende Richter Joachim Kroll sich nicht scheut, den Schöffen unter Ausschluß der Öffentlichkeit ein paar Dokumente sexueller Gewalt gegen Kinder vorzuführen, gibt er über seine Geschäfte nichts preis. Lothar G., 47 Jahre alt, kaufmännischer Angestellter, derzeit arbeitslos, lebt von 1000 Mark Arbeitslosenhilfe und 2500 Mark Einkommen seiner Frau.

Trotz des Schweigens gerät das Gericht nicht in Beweisnot: Lothar G. ist, noch bevor er das letzte Mal vor Gericht stand, wieder groß ins Geschäft mit Kinder- und Tierpornographie eingestiegen – über Annoncen in der Presse, eine Briefkasten-Adresse im niederländischen Venlo und einem „kompletten Versandbetrieb“ (so die Kripo) in einem Keller von Bergisch Gladbach.

„Der Bedarf an Kindersex ist da und wird befriedigt“, hat ein Kompagnon von Lothar G. einmal in einem Interview gesagt, „ob von mir oder von anderen.“ Der Verteidiger von Lothar G. behauptet im Prozeß dasselbe, doch das Gericht läßt sich von solchen Sprüchen nicht beeinflussen und verhängt eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten ohne Bewährung. Das sind zwei Monate weniger, als das Gesetz als Höchststrafe erlaubt. Das Urteil dokumentiert einen Bewußtseinswandel: Er hat durch das Anschauungsmaterial begonnen, das vor zwei Jahren stern-Journalisten durch verdeckte Recherchen für die Kinderkommission des Bundestages lieferten und das eine Diskussion um die Verschärfung des Strafrechts provoziert hat. Der Staatsanwalt diskutiert in Bergisch Gladbach auf dem Gerichtsflur mit Sozialarbeiterinnen und Frauen von Beratungsstellen die Rechtslage, der Richter spricht im Urteil vom Los gequälter und geschändeter Kinder, die leiden, weil sich mit den Videos horrende Summen verdienen lassen. Das Bundeskriminalamt rechnet mit einem Jahresumsatz von 400 Millionen Mark in der Bundesrepublik.

Für den Gerichtsberichterstatter wäre das Verfahren ein Prozeß wie jeder andere geblieben, wäre er nicht selber nur wenige Monate zuvor mit dem Problem konfrontiert worden – in seiner eigenen Familie. Irgendwann im Mai tauchte da ein Junge wieder auf, den sein inzwischen vierzehn Jahre alter Sohn seit der Grundschule aus den Augen verloren hatte.

Ein braungebrannter, viel zu teuer gekleideter Popper steht also eines Abends vor der Tür, und sein Wiederauftauchen löst bei den Eltern nicht gerade Freude aus. „Der Kai ist schon in Ordnung“, sagt der Sohn. In irgendeiner Ecke seines Gedächtnisses ist wohl haftengeblieben, daß ihm vor einigen Jahren Besuche bei Kai strikt verboten waren, der Schulfreund ihn aber besuchen durfte. Warum, das verstand er damals nicht. Auch nicht die verwunderten Nachfragen daheim, als er von Kais langweiligem siebten Geburtstag erzählte, wo die Kinder nach Limo und Kuchen nicht gespielt, sondern „Möbelkataloge“ beguckt hätten.