Mit der Hilfe zur Selbsthilfe, die der Westen der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow versprochen hatte, konnten die brutalen Putschisten in Moskau von vornherein nicht rechnen. Wenn das sowjetische „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ die zentral gelenkte Planwirtschaft wieder zum Prinzip erhebt, dann fehlt die grundlegende Voraussetzung für die westlichen Zusagen: Statt Selbsthilfe wäre Selbstverstümmelung der Volkswirtschaft die Folge.

So war es folgerichtig, daß der liberale Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann noch am Tage der Entmachtung Gorbatschows verkündete: „Das Geld und das Know-how des Westens kann es für eine Rückkehr zum alten totalitären Denken nicht geben.“ Doch was so eindeutig nach künftiger Bonner Leitlinie für die Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion klingt, enthielt unüberhörbar einen wichtigen Vorbehalt: daß die Komiteemitglieder, die im Kreml die Macht an sich gerissen haben, wirklich das „totalitäre Denken“ wieder durchsetzen. Namentlich der Einsatz der Panzer und die Zensurmaßnahmen lassen vorerst keine andere Deutung zu.

Den Wunsch Gorbatschows nach einer milliardenschweren Hilfe in bar aus dem Westen dürften sicher auch die Putschisten teilen, weil sie damit manches Problem kurzfristig überdecken könnten. Es muß aber bezweifelt werden, daß sie großen Wert auf die vagen Zusagen des Weltwirtschaftsgipfels an Gorbatschow legten: Beratungshilfen durch Internationalen Währungsfonds (IWF) und Weltbank sowie Einbindung der UdSSR in einen ständigen Dialog mit den reichsten westlichen Industriestaaten.

Die Deutschen müssen sich nicht vorwerfen lassen, Gorbatschow zuwenig geholfen zu haben. Allerdings darf auch bei den bilateralen deutschen Zahlungen und Zusagen, die man in Bonn auf sechzig Milliarden Mark addiert und als Hilfe für Gorbatschows Reformen deklariert, nicht übersehen werden, daß sie in großen Teilen nicht auf freier Entscheidung basieren und schon gar nicht reinem Altruismus entspringen. So hat die Bundesrepublik den Transferrubelsaldo von 16,9 Milliarden Mark – de facto unbezahlte Rechnungen der Ex-DDR an die Sowjetunion – schlicht mit der Vereinigung geerbt, und mit 13,5 Milliarden Mark wurde das Versprechen eines vollständigen Abzugs der sowjetischen Truppen aus Ostdeutschland erkauft. Selbst die Zusage Bonns, sowjetische Aufträge über zwölf Milliarden Mark durch staatliche Exportbürgschaften abzusichern, hatte vor allem den Zweck, Arbeitsplätze in den fünf neuen Ländern zu sichern. Deshalb kann jetzt auch die Bundesregierung den Geldhahn nicht einfach zudrehen (wobei überhaupt keine Rolle spielt, daß Möllemann die Bürgschaften ausgerechnet mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Pawlow verabredet hatte, der jetzt zu den Putschisten gehört).

Internationale Verträge und Abmachungen müssen eingehalten werden – das gilt für beide Seiten, für die Sowjetunion wie für den Westen. Doch können darüber hinaus die Wirtschaftsbeziehungen eingefroren werden? Sind Sanktionen, gar ein Boykott die geeignete Antwort des Westens auf das „totalitäre Denken“ in Moskau?

Ein Rückschlag in den Wirtschaftsbeziehungen ist unvermeidlich. Jedes Unternehmen in der Bundesrepublik und in anderen westlichen Ländern wird bei der undurchsichtigen Lage zunächst mit großer Vorsicht agieren, übrigens auch bei Investitionen in den osteuropäischen Staaten. Ein längerer Boykott der Sowjetunion ist aber unrealistisch. Er wäre auch – bei aller Empörung über die Umstürzler – nicht wünschenswert. So wie in der Außenpolitik die Möglichkeiten zum Gespräch und damit zu einem auch noch so bescheidenen Einfluß offengehalten werden müssen, so kann auch die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Bindungen und Verbindungen nützlich sein.

Wirtschaftsbeziehungen dienen allen beteiligten Volkswirtschaften – auf der nüchternen Grundlage von Leistung und Gegenleistung. Mit Geschenken an ein repressives System hat das nichts zu tun – und die wären auch vergeblich, wenn sich das System nicht selber helfen will.

Wilfried Herz