Donnerstag, 15. August, ARD:

„Lindenstraße Ost“; ZDF:

„Perestroika für Kaliningrad“

Wer gar nicht mehr weiß, wozu Fernsehen noch gut sein soll, schaue sich die immer das Programm veredelndem Reportagen aus dem Osten an: aus den neuen Bundesländern, aus Polen, aus Rußland. Natürlich kann man auch Geschichten schreiben und Photos machen von den Revolutionen, die dort Mauern und Menschen stürzen und aufrichten, aber die Ausbeute der Kamera übertrifft in ihrer sinnlichen Evidenz jeden Bericht. Insbesondere wenn sie aus Zonen herbeigeschafft wird, die vordem tabu waren.

So eine Zone ist Kaliningrad, das vielleicht irgendwann wieder Königsberg heißen wird. Das wünscht sich ein Großteil der jungen Generation dort – während ein skeptisches Establishment vor der Germanisierung warnt. Erstmals filmte Reinhard Appel (ZDF) im vormaligen militärischen Sperrgebiet, befragte hohe Funktionäre und brachte Kollegen zum Reden. Der Chef des Königsberger Kuriers, so heißt die Zeitung wirklich, kann nicht einsehen, daß die Geschichte seiner Stadt „erst 1945 begonnen hat“. So fühlt auch die Jugend, die Studentenschaft. Man lernt Deutsch, Kant soll ein neues Denkmal kriegen, Wolgadeutsche wollen im Umland siedeln. Die Vorsilben „Europa“ retten solche Strategien vor dem Ruch des Revanchismus, und die geplante Freihandelszone verrät die Hoffnung der Russen, daß die Ordensritter aus dem Westen diesmal nur Devisen bringen. Mit wehendem Haar und gebotener Vorsicht, aber doch merklich begeistert von seinem Ostritt, kündete Appel in der Domruine vom Wiedererwachen der so lange von aller Welt abgeschnittenen Hansestadt.

Kurz zuvor hatte am 15. August der SDR seine Zuschauer nach Zittau im hintersten Südostzipfel des vereinten Deutschland geführt. In diesem sächsischen Städtchen gibt es eine Lindenstraße, die früher Prachtavenue war, heute verkommen ist und darauf wartet, „von der D-Mark wachgeküßt zu werden“. Der Pächter im „Bierhaus Germania“ muß jetzt Reklame machen und weiß noch nicht recht, wie, die Schmiede Friedrich Schlick kämpft um ihr Überleben, und Reifenhändler Harder („Wer wagt, gewinnt“) zieht um ins neue Gewerbegebiet. Nur wenig Jugend ist in Zittau geblieben, und die Alten denken an die Tage, als die Kohlen billig waren. Heute muß man „Nerven haben“, woher sollen sie die nehmen?

Filmer Erich Schütz beschränkte sich ganz auf diese eine Straße, auf ihre traurigen Häuser und Höfe und ihre verwirrten, vergrätzten, optimistischen Menschen. Ihm gelang damit ein balladenartig geschlossenes Fernsehstück, das dem Sozialbericht dramatische Farbe gab, ohne ihn vordergründig zu ästhetisieren. Daß die Kamera zärtlich die verblassenden Inschriften an den Brandmauern und Giebelwänden abweidete, daß sie in Verfall und Müll und Schimmel schnüffelte, ist ihr gutes Recht. Denn diese Überbleibsel werden bald verschwinden, und sie sind ja, wenngleich häßlich, historische Spuren.