Von Helmut Schmidt

Im April hat Marschall Achromejew vor den versammelten Schülern der französischen wie auch der sowjetischen Generalstabsakademie verlangt, der Westen solle dem Beispiel des Warschauer Paktes folgen und nun endlich auch Nordatlantikpakt und Nato auflösen. Ich widersprach ihm; zur Begründung wies ich hin auf die zweifelhafte Zukunft Gorbatschows und der von ihm eingeleiteten Außen- und Sicherheitspolitik. Achromejew reagierte beleidigt.

Mit Stentorstimme und martialischer Gebärde schloß er seine Erwiderung: „Wir sind sechs Marschälle in der Sowjetunion. Alle sechs stehen wir voll und ganz hinter Glasnost und Perestrojka und hinter Gorbatschow!“ Ich spürte die Unsicherheit hinter seinen starken Worten, die sich jetzt als krasse Unwahrheit entpuppt haben.

Der Moskauer Putsch im Morgengrauen des 19. August hat mich nicht verwundert – man mußte ihn seit langem schon für möglich halten. Wenn sich heute westliche Staatslenker überrascht geben, so kennzeichnet dies ihre bisherige Naivität. Bis gestern lagen ihnen noch Photos und Fernsehbilder mit Gorbatschow am Herzen, heute rätseln sie über die möglichen Konsequenzen des Putsches.

Es gibt viele offene Fragen. Werden die Putschisten zusammenhalten? Können sie ihre Herrschaft etablieren? Hat Jelzin, der einzige vom Volk gewählte Spitzenpolitiker, noch eine Chance? Wird geschossen werden? Wird es Flüchtlingsströme in Richtung Westen geben? Werden die Putschisten versuchen, die Grenzen zu schließen? Könnte dies in den Baltischen Republiken einen Krieg entfachen? Tritt jetzt blanke Kommandogewalt der Zentralen von Militär, KGB, Polizeitruppen und militärisch-industrieller Bürokratie an die Stelle des gescheiterten Unionsvertrages? Wird das ökonomische Chaos sich weiterhin vertiefen?

Weiter: Was wird aus den Menschenrechten, zu denen sich die Sowjetunion in Helsinki und in Paris verpflichtet hat? Wird Moskau die Vereinbarungen und Verträge zur Abrüstung und zum Abzug sowjetischer Truppen aus Deutschland einhalten? Was sind die Folgen für Polen, Tschechoslowakei und Ungarn? Ist eine Rückkehr zu einer expansiven, gar aggressiven Außen- und Sicherheitspolitik denkbar?

Schließlich: Was soll der Westen jetzt tun? Was soll er nicht tun? Worauf muß der Westen sich vorbereiten? Worauf muß sich Kanzler Kohl vorbereiten?