Von Nikolaus Piper

Zwei Leitbilder sind der alten kommunistischen Nomenklatura geblieben: Chile und Südkorea. Ende 1988 begannen erstmals in Warschau einzelne Zirkel der zerfallenden Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei die Frage zu erörtern, ob diese beiden stramm antikommunistischen Länder nicht die richtigen Rezepte für Osteuropa lieferten, nämlich eine Kombination von erfolgreicher Exportwirtschaft und autoritärem Regime. Der demokratische Machtwechsel in Polen setzte dann ein Jahr später den Debatten ein Ende.

Mit einiger Verzögerung ergriff die Begeisterung für Chile und Südkorea jedoch auch die Kader der Sowjetunion quer durch die politischen Lager. Die gedankliche Verbindung von Sanierung der Wirtschaft und Abschaffung der Freiheit beschäftigte nicht nur die reaktionäre Parlamentariergruppe Sojus im Obersten Sowjet, sondern auch marktwirtschaftlich orientierte Professoren wie Michail Botscharow, Leiter des Obersten Wirtschaftsrates Rußlands. Der scheinbar unaufhaltsame Sturz des riesigen Landes in die Wirtschaftskatastrophe, das Chaos in der Warenverteilung und die explosionsartig zunehmende Kriminalität schienen Grund genug zu sein. Auch das Beispiel Chinas schien für sich zu sprechen: Dort schlug die Regierung zuerst blutig die Demokratiebewegung nieder und ließ dann einen begrenzten Kleinkapitalismus zu, der der Wirtschaft des Landes offenbar guttut.

Am Montagmorgen zogen nun die konservativsten Teile des alten Systems auf ihre Weise die Konsequenzen aus dieser Diskussion: Sie putschten sich an die Macht. Die Pläne der Moskauer Junta für die Wirtschaftspolitik sind ziemlich wirr (siehe auch den Beitrag von Maria Huber). Zwar bekannten sich die Putschisten zur Forsetzung der Wirtschaftsreformen, ihr erster Erlaß läßt jedoch anderes vermuten: Preis- und Lohnstopp, Ernteeinsätze, „strengste Kontrolle“ für die Lebensmittelverteilung – das ist nichts anderes als der Versuch einer neuerlichen Zentralisierung des Wirtschaftslebens in der Sowjetunion.

Sollte das Vorhaben gelingen, wäre es das Ende der Perestrojka in der Wirtschaftspolitik und würde nach der einhelligen Meinung westlicher Fachleute in eine beispiellose ökonomische Katastrophe führen. Die Wirtschaft des riesigen Landes mit seinen 288 Millionen Einwohnern ist nicht mehr per Befehl aus Moskau zu steuern. Eine Rückkehr selbst zum bescheidenen Lebensstandard der Breschnjew-Zeit ist heute mit den alten Methoden nicht zu schaffen. Denn dieser Lebensstandard hing davon ab, daß die Wirtschaft über Jahrzehnte von ihrer Substanz lebte, einer Substanz, die jetzt nicht mehr vorhanden ist. ...

„Für eine Rückkehr zu den Vor-Perestrojka-Zeiten fehlen heute sowohl die Strukturen als auch die Leute“, sagt Klaus Bolz, Osteuropa-Referent im Hamburger HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung. Das staatliche Außenhandelsmonopol ist zerschlagen, die Planbehörde Gosplan in ein Wirtschaftsministerium umgewandelt, und eine neue Generation von Managern und Ökonomen hat in den vergangenen Jahren bei Besuchen im Westen eine unmittelbare Erfahrung von der Überlegenheit des marktwirtschaftlichen Systems gewonnen. „Man darf die Tatsache nicht unterschätzen“, sagt Bolz, „daß die Marktwirtschaft bereits in den Köpfen Wurzeln geschlagen hat.“

Die Möglichkeit der Putschisten, die Bevölkerung durch die Bereitstellung von Lebensmitteln ruhigzustellen, ist wahrscheinlich begrenzt. Zwar gibt es schon lange Gerüchte, daß das KGB für den Fall eines Militärputsches Warenlager angelegt habe, derartige Notvorräte dürften jedoch schnell erschöpft sein. Ohnehin ist die Fleischerzeugung der Sowjetunion im ersten Quartal 1991 um zwölf Prozent zurückgegangen, die Milcherzeugung um zehn Prozent und die Anlieferung von Eiern um acht Prozent. Das Geldeinkommen der Bevölkerung stieg zwar 1990 um durchschnittlich 24 Prozent. Gleichzeitig sank aber die Arbeitsproduktivität um neun Prozent.