Was in Moskau geschah und wie die Welt reagierte

Von Christoph Bertram

Es war ein Putsch, der oft vorhergesagt und häufig geübt worden war – und dennoch überraschend unbeholfen wirkte. Die meisten der Herren, die sich am Montag dieser Woche als „Staatskomitee für den Ausnahmezustand“ präsentierten, waren alte Kameraden, die schon vorher und mit wachsendem Selbstvertrauen den Reformkurs Michail Gorbatschows zu konterkarieren suchten, zuletzt auf fast legalem Wege noch Ende Juni, eine Generalprobe für das, was jetzt geschah.

Damals hatte die ultrarechte Sojus-Fraktion im Obersten Sowjet nach dem Ausnahmezustand gerufen, mehr Vollmachten für Gorbatschows Premierminister Valentin Pawlow gefordert und zu diesem Zwecke Verteidigungsminister Jasow, Innenminister Pugo und KGB-Chef Krjutschkow in einer Geheimsitzung über den drohenden Zerfall des sowjetischen Staates und angebliche Verschwörungen des Westens Klage führen lassen. Gorbatschow, damals wieder vom Rückenwind der Reformer gestärkt, hatte die Attacke abgeschmettert. Von den drei illoyalen Warnern umgeben, hatte er im Foyer des Parlaments aufgeräumt verkündet: „Der Putsch ist vorüber.“

Der jüngste Putsch ist noch nicht vorüber. Diesmal jedoch fehlt den Verschwörern nicht nur die legalistische Fassade, sie haben auch den Mann entmachtet, der früher so oft im letzten Augenblick die Formeln parat hatte, die all den gegenläufigen Kräften im sowjetischen Machtsystem erlaubten, ihr Gesicht zu wahren – Michail Gorbatschow.

Die wahren Gesichter

Wahrscheinlich gab es für die konservativen Bewahrer des sowjetischen Zentral- und Einheitsstaates keinen Kompromiß mehr mit jener dezentralisierten Sowjetunion, die Gorbatschow mit dem neuen Unionsvertrag anstrebte. Und so zeigten sie einen Tag vor der Unterzeichnung des Abkommens durch drei Republiken, am Morgen des 19. August 1991, ihre wahren Gesichter: