Als in der Sowjetunion die große Umgestaltung begann, meinten viele, nun müsse es endlich auch mit der quasi exterritorialen Selbstherrlichkeit des „Komitees für Staatssicherheit“, des allmächtigen KGB, ein Ende haben. Es müsse aus dem gesetzesfreien Raum auf den Boden der sowjetischen Verfassung zurückgeholt werden. Hieße das aber nicht, die Quadratur des Kreises anzustreben? Das KGB wäre nicht das KGB, zeigte nicht seine lange Geschichte, daß für die Diener der Staatssicherheit Gesetze nicht geschrieben sind.

Inzwischen erweist sich denn auch, daß das KGB seine Stellung im politischen Kräftespiel behaupten wird. Jeder reformwillige Politiker wird sich so oder so oder anders mit ihm arrangieren müssen. Gorbatschow hat sich mehr als einmal auf das Komitee gestützt und ihm sogar mit der Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität ein neues Feld eröffnet. Selbst die Überwachung der ordnungsgemäßen Verteilung von Lebensmittelpaketen wurde den „Organen“ anvertraut.

Womit sich das KGB im siebten Jahr der großen Umgestaltung sonst noch so beschäftigt, veranschaulicht ein Fall aus der sowjetischen Provinz, aus der Industriestadt Perm am Ural. Ein Fall voll absurder Tragik, bedenkt man, daß es sich bei dem Opfer dieser nun bald ins 32. Jahr gehenden KGB-Operation um einen (inzwischen emeritierten) kriegsblinden Professor für Geschichte der KPdSU handelt.

Sein Leben lang war Alexander Malyschew ein treu ergebenes Mitglied der sozialistischen Gesellschaft. Im Krieg gegen Nazideutschland verlor er sein Augenlicht; trotzdem promovierte er nach Kriegsende im Fach „Geschichte der KPdSU“ und lehrte vierzig Jahre lang diszipliniert und pflichtbewußt an der Pädagogischen Hochschule zu Perm. Seit Ende 1960 bereits erfreut sich Malyschew der besonderen Aufmerksamkeit der örtlichen KGB-Mitarbeiter. Wie sich bald herausstellte, war er das Opfer einer Verleumdung geworden, und obwohl schnell deutlich wurde, daß an der Sache nichts dran war und der Verleumder aus seiner Tat auch gar keinen Hehl machte, wurde Malyschew „prophylaktisch“ weiter überwacht.

Durch regelmäßige Telephonanrufe gab man ihm zu verstehen, daß die „Organe“ über sein Tun und Lassen auf dem laufenden seien. Vor dem Haus erwarteten ihn gelegentlich eindeutig gekleidete „Gesprächspartner“. So ging das Jahr für Jahr, und die Malyschews gewöhnten sich langsam an die ihnen zuteil gewordene Zuneigung. Ja, sie redeten sich sogar, absurderweise ein, je intensiver sie beobachtet würden, desto nachhaltiger müsse sich am Ende ihre Unbescholtenheit herausstellen.

Im Herbst 1989 allerdings ist Malyschews heroische Geduld jäh zu Ende: Beim Umräumen in der Wohnung entdeckt er eine Abhöranlage. Alle sprechen von Perestrojka, das KGB anscheinend auch, das Wort vom Rechtsstaat macht sich bekannt. Jetzt will auch Malyschew sein Recht und wendet sich an die Bezirksanwältin. Überrascht ob der Naivität ihres Klienten, klärt sie ihn darüber auf, daß es keinerlei gesetzliche Handhabe gegen die Machenschaften des Staatssicherheitskomitees gebe. Ordnungsgemäß meldet sie die Beschwerde des Professors auch gleich an das KGB weiter. Und damit beginnt erst der eigentliche Leidensweg des Fachmanns für Parteigeschichte. Denn die Hand gegen die Allmacht des KGB erhoben zu haben sollte ihn teuer zu stehen kommen.

Jedesmal, wenn ich aus dem Haus ging, erwarteten und begleiteten mich Personen, die den Auftrag hatten, mir große und kleine Gemeinheiten zuzufügen“, berichtet Malyschew in einem Brief. Unter dem Vorwand, ihm helfen zu wollen, führen sie den blinden Mann auf die falsche Straßenseite, setzen ihn in den falschen Bus oder verwickeln ihn in provozierende Gespräche. Auf dem Hof und auf seinen täglichen Gängen versperrt man ihm mit Autos den Weg. Gelegentlich wird er angefahren, sein Telephon wird ständig abgehört, die Post überwacht. In der Nachbarschaft werden Spitzel geworben. Malyschew kann praktisch nicht mehr allein aus dem Haus gehen.