ZDF, Montag, 26. August, 22.20 Uhr:

„Der Dschungel – Upton Sinclair und die Schlachthöfe von Chicago“

Herbst 1904 – der 26jährige Journalist und angehende Schriftsteller Upton Sinclair bricht nach Chicago auf, wo es kurz zuvor einen erbitterten Streik der Schlachthofarbeiter gegeben hatte. Sinclair will einen Roman über die Schlachthöfe schreiben; als Hilfsarbeiter recherchiert er sechs Wochen lang, dann beginnt er mit der Niederschrift. „Die Straße schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Nirgends ein Hügel, nirgends eine Senke. Überall nur diese häßlichen und schmutzigen kleinen Reihenhäuser. Ab und an ging eine Brücke über einen trüben Fluß, dessen verkrustetes Schlammufer von schäbigen Schuppen und Anlegestellen gesäumt war. Schon über eine Stunde vor Erreichen der Stadt waren mir Veränderungen in der Luft aufgefallen, die ich mir nicht erklären konnte. Es wurde immer dunkler. Und das Gras am Boden schien zunehmend sein Grün zu verlieren. Die Landschaft wirkte kahl und häßlich. Zusammen mit dem dichter werdenden Rauch machte sich noch etwas anderes bemerkbar: ein seltsamer, durchdringender Geruch.“ Die stockyards, der damals größte Schlachthof der Welt, waren die Endstation für Milliarden Tiere und für Hunderttausende von Einwanderern, die im Dschungel der Schlachthöfe zugrunde gingen.

Sinclairs Buch „The Jungle“ erscheint 1906 und löst einen ungeheuren Skandal aus. Die amerikanische Öffentlichkeit reagiert aber weniger auf die miserablen Arbeitsbedingungen als auf die von Sinclair geschilderten unhygienischen Zustände. Sinclair über diese Reaktion: „Ich wollte auf das Herz der Amerikaner zielen, getroffen habe ich nur ihren Bauch.“ Wer Sinclairs Beschreibung der Wurstproduktion gelesen hat, wird allerdings sobald keine Wurst mehr anrühren. Das eigentlich ekelhafte aber ist, wie Menschen und Tiere da gleichsam miteinander verarbeitet werden.

Der Dschungel – ein riesiges Schlachtfeld, Blut und Eingeweide in Kübeln, Tierhälften an Förderhaken, geschlitzte Häute, zersägte Knochen. Und bei aller Schwerarbeit ein besinnungsloses Tempo. Die Tiere werden ins oberste Stockwerk getrieben und durchwandern mittels Schwerkraft die verschiedenen Verarbeitungsstufen.

Geschnitzt, zerhauen, tranchiert wird das tote Fleisch mit Messern, die so scharf sind, daß man die eigene Verletzung kaum bemerkt. Infektionen aller Art, Verätzungen mit aggressivem Pökelsalz, Haut- und Lungenschäden im brodelnden Dunst der Siedereien. Nach fünf Jahren sind die kräftigen jungen Burschen verschlissen, die von Übersee in den Mittelwesten strömten, um ihr Glück zu machen. Streiks hatten wenig Chancen, die Arbeiter waren jederzeit ersetzbar. Denn in aller Welt war Amerika „das Land, von dem Liebespaare und junge Leute träumten“ (Sinclair).

Christian Bauer ist in seinem Film den Sedimenten der Schlachthöfe gefolgt, die unterm Gras zwischen hoch aufragenden Backsteinruinen nur schwer verwittern, die sich in der Erinnerung derer ablagerten, die mit einer halben Million anderer von den stockyards gelebt haben. Alte Filmaufnahmen zeigen den Arbeitsablauf. Hermina Pollek, das vierzehnte Kind eines Fleischarbeiters, berichtet von ihrer Kindheit: Es ließ sich ja leben. Akkordlohn gab es, und die Wurst war alldieweil billig. Es ist gespenstisch.

Martin Ahrends