Die Situation ist sehr dramatisch, aber gleichzeitig auch offen für verschiedene Möglichkeiten. Ich denke, daß Jelzin jetzt in der gleichen Situation ist, in der Landsbergis sich im Januar befand. Das heißt, wenn die Leute von Moskau und von ganz Rußland ihn so unterstützen, wie die Leute von Wilna es mit Landsbergis gemacht haben, dann werden die Putschisten in eine wirklich schwierige Situation geraten. In diesem kritischen Moment können die Leute in Rußland zeigen, ob sie bereit sind für die Freiheit oder nicht.

Die Frage, was mit Gorbatschow passiert, ist natürlich ein sehr wichtiges Thema. Aber das, was er für mein Land getan hat, ist bereits so weitgehend ein Teil der Geschichte, daß er schon jetzt neben den besten Führern des Landes, wie zum Beispiel Alexander II., steht. Dieses ist nicht nur ein kritischer, sondern auch ein historischer Moment. Ich hoffe, daß wir Russen nach den sieben Jahren, die Gorbatschow an der Macht war, den Geschmack der Freiheit, die in unserer ganzen Geschichte immer so rar war, nicht nur kennengelernt, sondern auch begriffen haben. Die Zukunft der Russen gehört Gorbatschow in dem Maße, in dem Rußland diesen Geschmack der Freiheit begriffen hat. Und ich hoffe, daß wir Russen da schon sehr weit sind.

Viktor Jerofejew, geboren 1947 in Moskau, war zehn Jahre vom sowjetischen Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1990 erschien sein Buch „Die Moskauer Schönheit“ im S. Fischer Verlag, in Kürze erscheint der Erzählungsband „Leben mit einem Idioten“.