Oder: die Alternative zum Geist von Potsdam – Vor siebzig Jahren wurde der demokratische Spitzenpolitiker Erzberger von Rechtsradikalen ermordet

Von Günter Randecker

Merkwürdige Duplizität der Ereignisse: Vor einer Woche wurden aus dem schwäbischen Hechingen zwei Särge mit den Gebeinen preußischer Könige in einem Packwagen nach Potsdam gebracht. Vor siebzig Jahren ging der Sarg des ermordeten Matthias Erzberger im Packwagen auf die Reise über Offenburg ins schwäbische Biberach, wo er seine letzte Ruhe fand. An seinem Todestag wird sich am Grab nur ein kleiner Kreis einfinden, ihn, einen der fähigsten Politiker der Weimarer Republik, zu würdigen. Zum preußischen Leichenbegängnis eilten sechzigtausend herbei, in die Stadt, wo 1933 an der Gruft der Könige jener unselige „Geist von Potsdam“ beschworen wurde, dem Erzberger zum Opfer gefallen war. In Potsdam gibt es keine Erzbergerstraße...

„Das Beste für unser Vaterland“

„Im traurigen Monat November war’s“, um mit Heine zu reden, als sich der Schneiderssohn aus dem schwäbischen Dorfe Buttenhausen im Buch der deutschen Geschichte verewigte. In Frankreich ist der 11. November, der Tag des Waffenstillstandsvertrages von 1918 in Compiègne, bis heute Nationalfeiertag. Aber er ist zugleich der Tag, an dem – wer weiß das noch? – die deutsche Einheit in Freiheit gerettet wurde – durch die Unterschrift Matthias Erzbergers.

Der Zentrumspolitiker, kaiserlicher Staatssekretär in der ersten parlamentarischen Regierung des Reiches, war zum Delegationsleiter bestimmt worden. Es sei wohl das erste Mal in der Weltgeschichte, daß nicht Militärs den Waffenstillstand abschlössen, sondern Politiker, hatte Generalfeldmarschall von Hindenburg dem ungedienten Zivilisten Erzberger vom Hauptquartier in Spa aus mit auf den Weg zu Marschall Foch gegeben: „Reisen Sie mit Gott, und suchen Sie das Beste für unser Vaterland herauszuholen!“

In Frankreich wollte man noch keinen Waffenstillstand, sondern die totale Niederlage Deutschlands: „Die Deutschen müssen auch den Krieg bei sich kennenlernen, damit sie später keine Lust mehr haben, einen neuen anzufangen“, war dort die gängige Meinung. Am Abend des 7. November passierte die deutsche Delegation die Frontlinien. Fast aussichtslose Verhandlungen um die einzelnen Punkte des Waffenstillstandsvertrages begannen. Am 10. November telegraphierte Hindenburg: „Gelingt Durchsetzung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen.“ Die Oberste Heeresleitung drängte auf unverzügliche Unterzeichnung.