Interessiert ihn die Literatur überhaupt noch? Viel gedichtet hat er in seinem 42. Lebensjahr nicht. Ein Romanmanuskript, an dem er seit langem mit seinem brechungen arbeitet, hat er hervorgeholt und wieder weggelegt. Unter den wenigen Versen, die im Jahre 91 entstehen, sind diese erstaunlichen: „Von allen Enden Deutschlands kommen wir / Erst jetzt zusammen; sind einander fremd / Und fangen erst nach jenem schönen Ziel / Vereint zu wandeln an...“

Seit fünfzehn Jahren wohnt und arbeitet er in Weimar. Vor neun Jahren wurde er in den erblichen Adelsstand erhoben. Sein Ausbruch nach Italien ist fünf Jahre her und hat ihm sogar die erwünschte Reduzierung der Amtsgeschäfte am Hofe eingetragen – ohne ihn die Freundschaft zum Herzog zu kosten. Eine zweite Reise nach Italien im vergangenen Sommer, kurz nur, hat ihm deutlich gemacht, daß die Lust an der Ferne erloschen ist. Im vergangenen Jahr ist die erste offizielle Ausgabe seiner „Schriften“ in acht Bänden abgeschlossen worden. Sein Sohn, ein hübscher Knabe, ist noch keine zwei Jahre alt – vom selben Jahrgang übrigens wie die Revolution, die fern in Frankreich immer noch tobt und Europa in Atem hält, die eigenen Lebensumstände indes nicht zu bedrohen scheint. Und gerade erst, zu Beginn des Jahres, hat er – zusätzlich zu den verbliebenen Regierungsaufgaben bei der Schloß- und Wasserbaukommission – die Oberdirektion des Weimarer Theaters übernommen.

An seinem 42. Geburtstag, am 28. August 1791, ist er daheim und formuliert höchstselbst die „Ankündigung eines Werks über die Farben“, die im September im Intelligenzblatt des Journals des Luxus und der Moden erscheinen soll. „Mein Leben im ganzen ist vergnüglich und gut“, hat er ein paar Monate vorher in einem Brief geschrieben, „ich habe alle Ursache, mit meiner Lage zufrieden zu sein und mir nur Dauer meines Zustandes zu wünschen.“ Und noch viele Jahre später wird es im Rückblick auf 1791 heißen: „Ein ruhiges, innerhalb des Hauses und der Stadt zugebrachtes Jahr!“

Als das 42. Lebensjahr begann, sah das anders aus. Kurz nach seinem zweiten Italien-Aufenthalt, im Sommer 1790, hatte ihn sein Freund und Brotgeber Carl August mit auf eine längere Reise genommen, die von Ende Juli bis Anfang Oktober dauerte und nach Krakau, Tschenstochau und Wieliczka führte. Weiter östlich ist Goethe nie mehr gewesen. Auf der Rückreise machte er in Breslau und Dresden Station und schrieb an Herder: „Es ist all und überall Lumperei und Lauserei, und ich habe gewiß keine eigentlich vergnügte Stunde, bis ich mit euch zu Nacht gegessen und bei meinem Mädchen geschlafen habe. Wenn ihr mich lieb behaltet, wenige Gute mir geneigt bleiben, mein Mädchen treu ist, mein Kind lebt, mein großer Ofen gut heizt, so hab’ ich vorerst nichts weiter zu wünschen.“

Na? Auch wenn er selbst nie davon gesprochen hat: Auf dieser Reise soll er, während in Weimar Sohn August und Christiane Vulpius (die er erst 1806 heiraten wird) auf ihn warteten, um die Hand einer jungen Dame von Stand angehalten haben – deren Vater aber gegen die Verbindung war.

Ein Portrait von Johann Heinrich Lips, kurz danach in Weimar entstanden, zeigt Goethe als einen in sich ruhenden Mann. „Lips hat ihn wie noch niemand vor ihm gezeichnet“, notiert der Maler Karl Gotthard Graß am 6. Februar 1991 in sein Tagebuch. Und über Goethe selbst: Sein Gesicht sei voll Feuer und doch Weichheit. „Sein Auge ist rund und frei, braun, ein dunkler Spiegel, der desto reiner und heller auffaßt.“

Im Sommer 91 interessiert Goethe die Naturforschung – darin sieht er seine Zukunft. Eine „neue Theorie des Lichts, des Schattens und der Farben“ kündigt er in Briefen an: „Indes attackiere ich mich täglich mehr an diese Wissenschaften, und ich merke wohl, daß sie in der Folge mich vielleicht ausschließlich beschäftigen werden.“ Dem Verleger Georg Joachim Göschen, der die acht Bände „Schriften“ zwischen 1787 und 1790 herausgebracht hat, stellt er es so dar. „Wahrscheinlich werd ich in der Folge ebensoviel in der Naturlehre als in der Dichtkunst arbeiten.“ Goethe ist verärgert, weil Göschen ihm „den kleinen Versuch der Metamorphose“ abgelehnt hat – und das mit der Begründung, daß seine Sachen „nicht so kurrent“ seien. Bei nur 626 Vorbestellungen ist die Auflage der „Schriften“ (in denen „Tasso“ und das „Faust“-Fragment erstmals im Druck erschienen) mit 4000 Exemplaren viel zu hoch angesetzt gewesen. Goethe weiß, daß er nicht zu den Autoren zählt, „an denen ein größeres Publikum Geschmack findet“ – und sucht sich einen neuen Verleger.

Um von der Dichtkunst nicht ganz zu lassen, hat er auch den Intendantenposten am Theater akzeptiert. Jedenfalls sieht er es später im Rückblick so: „Damit ich aber doch von dichterischer und ästhetischer Seite nicht allzu kurz käme, übernahm ich mit Vergnügen die Leitung des Hoftheaters.“ Am 7. Mai 1991 wurde mit einem Stück von August Wilhelm Iffland die Spielzeit eröffnet, vorab trug der Schauspieler Friedrich Domaratius als Prolog Goethes Verse vor – über die Deutschen, die jetzt „vereint zu wandeln“ begannen; Gemeint ist die neue Schauspieltruppe, die sich in Weimar eingefunden hat und gemeinsam Theater machen will. Goethe (der sein Amt bis 1817 ausüben wird) führt ein strenges Regiment. Er ist strikt dagegen, daß Schauspieler heiraten: „Der Zuschauer will nicht nur ästhetisch und sittlich, sondern auch sinnlich gerührt sein.“ Volker Hage