Michail Gorbatschow wurde das Opfer der Kräfte, die er überwinden wollte

Von Christian Schmidt-Häuer

So lange wollten die Militärs nicht zuwarten. Im Unionsvertrag, den am Dienstag die drei „Staaten“ Rußland, Kasachstan und Usbekistan als erste der neuen föderationswilligen Sowjetrepubliken hatten unterzeichnen wollen, heißt es in Artikel 4: „Der Einsatz von Truppen des Verteidigungsministeriums ist im Inneren des Landes nicht erlaubt...“ Die Truppen kamen dem Verbot zuvor. Der Unionsvertrag, durch den Michail Gorbatschow vom Reichsverweser zum Partner der Republiken werden wollte, war für das alte Regime das Signal zum letzten Gefecht.

Vor die Entscheidung gestellt zwischen der Auflösung der Sowjetunion oder dem Ausschluß aus der modernen Welt, entschieden sich die Putschisten für den Rückzug ins Reich. Über die furchtbare Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens hat Gorbatschows Ideengeber Alexander Jakowlew bereits 1989, zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution, das Urteil gesprochen: „In Jahrtausenden der Zivilisation ist es nie und nirgendwo gelungen, eine menschenwürdige Gesellschaft mit den Mitteln der Gewalt zu schaffen.“

Jakowlew sprach aus Erfahrung. Auch 1917 hatte das alte Imperium vor der möglichen Auflösung gestanden, bevor Lenin die Aussperrung der Menschenwürde durchsetzte, für sieben Jahrzehnte. Michail Gorbatschow ist in den vergangenen zwei Jahren häufiger mit Alexander Kerenskij verglichen worden, dem gescheiterten Ministerpräsidenten der kurzlebigen demokratischen Regierung Rußlands von 1917. Kerenskij hatte am Ende Briefe erhalten wie: „Ganz offen, das Leben unter Nikolaus II. war sicherer, gerechter und stabiler.“ Und: „Nehmen Sie die Freiheit und Ihre Revolution zurück!“

An jene Teile des russischen Volkes, die auch heute wieder so denken wie damals, sind die plump patriotischen Aufrufe der Putschisten gerichtet. Kommunistische Parolen würde wirklich niemand mehr glauben. Aber daß der Zerstörer des sowjetischen Finanzsystems, Ministerpräsident Pawlow, und notorische Dunkelmänner wie KGB-Chef Krjutschkow und Innenminister Pugo „die Straßen unserer Städte von Kriminellen säubern und der Willkür der Verschwender unseres nationalen Reichtums ein Ende bereiten“ – das soll und muß und wird leider auch ein Teil des Volkes ihnen nun abnehmen, wenngleich es schon am Dienstag Gerüchte gab, einige der Putschisten seien zurückgetreten oder krank geworden.

Denn Michail Gorbatschow war – und darunter litt er mehr, als er es sich je anmerken ließ – im eigenen Land so unpopulär, wie er in der übrigen Welt verehrt wurde. Er würde, selbst wenn er zurückkehrte, nie wieder seine Rolle spielen können, die das Reformblatt Moskowskije Nowosti vor zwei Jahren beschrieb: „Das besondere an Gorbatschows Taktik ist, daß er Kompromisse nicht als defensive, sondern als offensive Waffe nutzt. Der Nutzen dieser Politik reicht bis zu seiner Fähigkeit, sich selbst in Kompromisse einzubringen zwischen dem, was er heute ist und was er morgen sein wird.“