In seinem großen Roman „Ein Tag länger als das Leben“ erzählt der kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatow von einem entsetzlichen Brauch asiatischer Sieger in früherer Zeit: Sie stülpten den Gefangenen die Haut eines frisch geschlachteten Tiers über den kahlen Schädel. In der Sonne schrumpfte die Haut und preßte das Hirn zusammen wie mit Eisenklammern. Das Opfer wurde wahnsinnig und willenlos. Der „Mankurt“, halb Tier, halb Mensch, diente als Sklave.

Der russische Dichter Jewgenij Jewtuschenko hat diese Geschichte als Metapher für den Stalinismus gedeutet: Der trieb den Menschen die Fähigkeit zur Erinnerung aus. „Wir aber“, so schrieb Jewtuschenko über sich und seine Freunde, „sind keine stummen Mankurt-Sklaven geworden, haben weder unser Gedächtnis noch unser Bewußtsein verloren.“ Daß er dies sagen konnte, verdankte er damals, 1987, niemand anderem als Gorbatschow.

In Gorbatschows Politik war Glasnost folgenreicher als die Perestrojka. Diese ist gescheitert, jene aber hat Veränderungen bewirkt, für die nur das Wort Revolution taugt. Deren Nutznießer waren (und sind immer noch) vor allem die Intellektuellen und die Künstler. Zum erstenmal seit rund fünfzig Jahren durfte in aller Offenheit über die Geschichte gesprochen werden, über die Verbrechen und ihre Opfer. Solschenizyn wurde gedruckt, Pasternak rehabilitiert, Sacharow befreit. Schriftsteller wie Anatolij Rybakow und Wladimir Dudinzew öffneten ihre Schubladen und publizierten Romane, die Anklageschrift und Rechenschaftsbericht zugleich waren.

Die Moskauer Filmfestpiele des Jahres 1987 wurden nicht von ihrem Wettbewerbsprogramm beherrscht, sondern von jenen Filmen, die oft jahrzehntelang in die Archive von Goskino verbannt worden waren, darunter der Film „Pokajanje“ (Buße) von Tengis Abuladse. Er schildert einen Diktator, unter dessen Herrschaft zahllose Menschen verschwinden. Eines Tages verbreitet sich das Gerücht, Nachricht von den Verschwundenen erhalte man am Güterbahnhof. Die Mütter eilen mit ihren Kindern dorthin, und sie finden inmitten von Schlamm und Pfützen abgeladene Baumstämme, in deren Schnittfläche die Zwangsarbeiter ihre Namen eingekerbt haben. Die Frauen eilen verzweifelt von Stamm zu Stamm, bis eine von ihnen den Namen ihre Mannes findet. Weinend bricht sie über dem toten Baum zusammen und umarmt ihn zärtlich. Als der Film in Moskauer Kinos lief, weinten viele Zuschauer. Es waren Tränen, die sie jahrzehntelang nicht hatten weinen dürfen.

Es hat Logik, daß die neuen Machthaber, die Gorbatschow entmachtet haben, viel von der Perestrojka sprechen, die sie weiterführen wollen, nicht aber von Glasnost. Deren gewaltige Kraft müssen sie am meisten fürchten. Folglich wurde das Fernsehen zuerst besetzt. Die Wiedereinführung der Zensur in der Presse und den Verlagen ist nurmehr eine Frage der Zeit. In der Vernichtung von Öffentlichkeit übt sich früh, wer ein Diktator werden will.

Vor wenigen Tagen erst hatte Gorbatschow dem 1974 ausgebürgerten Solschenizyn (und vielen anderen aus dem Land gejagten Intellektuellen) die Staatsbürgerschaft angeboten und ihn um Rückkehr gebeten. Solschenizn hatte ausrichten lassen, er werde den Boden seiner Heimat erst dann betreten, wenn der Vorwurf des Landesverrats offiziell widerrufen sei. Der ewige Solschenizyn mit seinem ewigen Mißtrauen, dachten wir bei der Lektüre der Zeitungsnotiz.

Der Geschichtsunterricht, den uns die paar letzten Jahre gegeben haben, war ein Crash-Kurs, und die Propheten haben alle Unrecht gekriegt, sogar die Unheilspropheten. Aber den Mankurt wird es einstweilen nicht mehr geben. Wo einmal der Hirnhelm gelockert wurde, wo einmal die Gedanken frei waren und die Wahrheit ans Licht kam, da ist der Bann gebrochen. Ihn zu erneuern kostet Zeit, nämlich einen Tag länger als das Leben. Ulrich Greiner