Es handelt sich, wie ich das verstehe, um einen Militärputsch, der sich heute nacht in Rußland ereignet hat. Von meinem Gesichtspunkt aus ist das eine Katastrophe. Aber dieser Umsturz hat sich schon längst angebahnt.

Schon im November vorigen Jahres hörten wir, daß eine Begegnung Gorbatschows mit Militärs stattgefunden habe, wobei er von Seiten der Armee beleidigt und bedroht wurde. Seither ist er tatsächlich zu einer Marionette geworden, und er begann, Aufgaben irgendeiner zweifelhaften „Regierung“ zu erfüllen. Und ans Ruder gelangten allmählich irgendwelche völlig unbekannten Leute, die im Volk keinerlei Popularität genossen. Diese Leute haben jetzt den Militärputsch angeführt. An die Macht gelangte eine Junta. Sie versucht, die Demokratisierung des Landes zu stoppen, die Glasnost zu vernichten. Was sich daraus ergeben wird, ist schwer zu sagen. Vielleicht ergeben sich sogar große Schwierigkeiten für die ganze Welt. Aber offensichtlich wird die Junta die Wirtschaft des Landes nicht in Ordnung bringen können, so daß es einen Ausweg aus der Krise nicht geben wird.

Ich glaube, daß der Westen diesen Umsturz scharf ablehnen muß, wie ein Staatsverbrechen, wie eine verfassungswidrige Machtergreifung.

Andrej Sinjawskij wurde 1925 in Moskau geboren und lebt seit 1973 in Paris. Bis zu seiner Verhaftung im Jahr 1965 und anschließenden Verurteilung hatte er am Institut für Weltliteratur gelehrt. Auf deutsch erschienen von ihm „Iwan der Dumme“ (1990) und „Der Traum vom neuen Menschen oder die Sowjetzivilisation“ (1989), S. Fischer Verlag.