Von Jochen Steinmayr

Diese Geschichte beginnt vor 5000 Jahren in Ägypten. Sie ist dennoch nicht verstaubt und keineswegs zu Ende. Sie ist weltumfassend, auch wenn sich das hier aufgeschlagene Kapitel mit dem Isergebirge bescheidet. Sie hat nicht an Glanz verloren, auch wenn die besungenen böhmischen Wälder um Gablonz herum neuerdings arg zerfressen erscheinen vom ätzenden Dunst der Umweltgifte.

Zu den Protagonisten dieser Geschichte zählen Cleopatra und Cäsar, die Dogen von Venedig, Wallenstein, Schiller, Hitler, Stalin, die New Yorker Luxusschmiede Tiffany, die Super-Eintagsfliege Madonna – soweit sie ihre Fans mit trügerischem Geschmeide blendet – und auch ein selbstbewußter Endsechziger namens Claus Josef Riedel, in dessen Lebenstraum ein Motorrad der Marke Harley Davidson eine Rolle spielt.

Aber ewige Jugend, das lehrt die Weltgeschichte, bleibt ein Traum wie immerwährendes Glück oder dauernder Friede auf Erden. So ist die Geschichte von den zehn Generationen der Isergebirgler-Sippe Riedel auch ein Griff nach dem Saum der großen Historie. Mit diesem Bewußtsein lebt der Motorrad-Enthusiast, der in der Fremde Ruhm und Reichtum der Riedels wiederhergestellt hat und gegenwärtig als Heimatvertriebener in Gablonz (tschechisch Jablonec) seinen Vorfahren mit einer funkelnden Schau 300jährigen deutschen Gewerbefleißes huldigt.

Zehn Prozent Kalk, zwanzig Prozent Soda (ersatzweise Pottasche) und die Kieselsäure im Quarzsand verschmelzen bei höllischer Hitze zu Glas, das sich durch Beigabe geringer Mengen von Metalloxiden prächtig färben läßt. Das fanden die alten Ägypter heraus, vermutlich beim hartnäckigen Verbrennen von getrocknetem Farnkraut auf immer derselben Stelle im Wüstensand, vielleicht zufällig, auf der Suche nach einer wasserundurchlässigen Glasur für ihre Tontöpfe.

An dem "Gemenge", den Ingredienzen zu seiner Herstellung, hat sich bis heute grundsätzlich nichts geändert, auch wenn Phönizier, Karthager, Perser, Etrusker, Römer und Gallier Beiträge zur Verfeinerung des lange den Reichen und Mächtigen vorbehaltenen Produkts beitrugen. Die Stadtrepublik Venedig brillierte etwa von 1300 an mit ihren Hütten auf der Insel Murano, jahrhundertelang unumstrittenen Alleinerzeugern von Glaspreziosen jeder Art – bis dann in Böhmen ...

Bis einer aus dem Clan der Riedels zum Gablonzer Glaskönig aufstieg, hatte es freilich noch Weile. Denn im 13. Jahrhundert – der bis nach Schlesien hinein wütende Tatarensturm war noch nicht vergessen – dehnte sich vom Riesengebirge bis weit nach Böhmen undurchdringlicher Urwald, nur am Saum dünn von Slawen besiedelt. Dieses menschenfeindliche Bollwerk, der "Markwald", war strategischer Flankenschutz der Herrscher in Wien und Prag gegen neuerliche Überraschungen aus dem Osten.