Wer am Morgen des 12. März 1985 die Parteizeitung Prawda oder die Regierungszeitung Iswestija aus dem Briefkasten zieht, sucht auf der Titelseite vergeblich nach der Nachricht vom Tode des greisen Generalsekretärs der KPdSU, Konstantin Tschernjenko. Mit dem vertrauten Ritual wird diesmal gebrochen: Statt mit Trauerrand und großformatigem Portrait des Verstorbenen machen die Blätter mit der Wahl des neuen Parteichefs Michail Gorbatschow auf. Zum ersten Mal in der Geschichte der Sowjetunion wird der neue Mann so schnell bestimmt, daß seine Wahl die Nachricht vom Tod des Vorgängers auf die zweite Seite verdrängt.

Schon seine ersten Auftritte lassen den Bauernsohn aus dem Kaukasus zum Hoffnungsträger einer Weltmacht werden. Ohne die Arroganz mächtiger Apparatschiks und ohne die asketische Strenge der Revolutionseiferer von Lenin bis Suslow läßt der dezent-modern gekleidete Parteichef Gorbatschow erkennen, daß er – in Maßen – zu leben weiß. Einzig die Hüte, mit denen Gorbatschow ein rotes Muttermal auf seinem mächtigen Schädel bedeckt, erinnern noch an die Mode der der alten Kreml-Herrscher. Sein Gesicht ist voll, aber die Züge wirken dennoch fein, sein verbindlicher Blick ruht forschend auf den Gesprächspartnern.

Was der neue, 54jährige Kreml-Chef sagt, läßt aufhorchen: keine Pietätspause bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf; keine Schuldzuweisungen an die Amerikaner, die als Partner angesprochen werden; demonstratives Bekenntnis zur Entspannung der siebziger Jahre; ungewöhnliche Plädoyers für soziale Gerechtigkeit und den Ausbau der Selbstverwaltung mit dem für die letzten Kreml-Chefs nahezu aufrührerischen, für Gorbatschow aber bezeichnenden Satz: „Je besser die Menschen informiert sind, desto bewußter handeln sie.“

Die ersten Monate

Der neue Generalsekretär fasziniert alle, die ihn erleben. In ihm paart sich Unbeugsamkeit mit Charme, Wille mit Wohlwollen. Gorbatschow gewinnt Besucher und Beobachter für sich, weil er Autorität zwar besitzt, aber nicht als Druckmittel einsetzt. Westliche Weltreisende verblüfft er mit freier Rede und Sachkunde, sowjetische Werktätige mit offenen Worten und demonstrativer Bürgernähe.

Was den Moskauern Gesprächsstoff liefert, sind zunächst weniger die analytischen Bestandsaufnahmen und die verstreuten Reformankündigungen Gorbatschows als die anekdotenhaften Begleitumstände seiner Amtsführung. Wie alle Natschalniks läßt auch der neue Parteichef seine Visite in einem Moskauer Krankenhaus vorab signalisieren. Doch was tut er dann? Er besucht ein ganz anderes Hospital, unangemeldet. Oder: Nicht anders als seine Vorgänger tritt Gorbatschow in Betrieben vor einem von KGB und Werksleitung ausgesuchten Publikum auf. Aber im Gegensatz zu früher müssen die Organisatoren jetzt keine vorbereiteten Claqueure, sondern klagebereite Normalverbraucher präsentieren.

Die sowjetischen Parteichefs haben – sofern sie nicht vorzeitig starben – in der Regel fünf Jahre gebraucht, um ihre Macht zu konsolidieren. Stalin führte seinen finsteren Machtkampf mit Trotzkij, Bucharin, Sinowjew. Chruschtschow rang mit Berija, Buganin, Malenkow, Molotow, Kaganowitsch. Breschnjew mußte sich gegen Koslow, Suslow und Kossygin profilieren. Gemessen daran hat Gorbatschow seine Führungsposition verblüffend schnell ausbauen können.