Der Pakt mit den „Scheichs der Taiga“ sollte eine dramatische Wende für die Sowjetunion einläuten

Von Maria Huber und Christian Schmidt-Häuer

Tjumen/Nischnjewartowsk, im August

Die Babuschkas mit Wollstrümpfen und hennagefärbten Haaren zupften die Gladiolensträuße zurecht. Die Frau im Kittel mit dem Leopardenmuster nestelte an ihren Bittbriefen. Der Junge mit den Krücken durfte noch weiter nach vorne und ins Blickfeld rücken wie bei einer Wallfahrt. Wo die Erde am reichsten ist, aber die Menschen zu den Armen und Gezeichneten zählen, bleibt nur die Hoffnung auf ein Wunder. Es war angekündigt für den 8. August um 15 Uhr im westsibirischen Tjumen, dem Verwaltungszentrum der größten Gas- und Ölfelder der Welt: Boris Jelzin sollte erscheinen.

Als der russische Präsident aus der örtlichen Tschaika stieg, versuchten Frauen, seine Hände zu küssen. Wie ein Zar nahm er die breiten Stufen zum Haus der Sowjets, die er vor einem halben Jahr nicht einmal hätte betreten dürfen, als ihn die lokalen Öl- und Parteibosse noch als Trinker und dubiosen Abenteurer bekriegten. Im dritten Stock an grünbespannten Tischen diktierte er dem örtlichen Filz und den wenigen Reformern die Bilanz seiner viertägigen Reise durch Westsibirien. Der Lautsprecher im Saal nebenan drohte zu bersten, als – nach gedämpfter Begrüßung durch die Honoratioren – Jelzins Baß erdröhnte.

Per Dekret will Jelzin die 486 westsibirischen Ölfelder, die an Umfang und Vorkommen Saudi-Arabiens Schätzen entsprechen, 65 Prozent der sowjetischen Ölförderung einbringen und etwa 7,9 Milliarden Tonnen Reserven aufweisen, für die russische Republik in Besitz nehmen. Das Gebiet von Tjumen, größer als Westeuropa, wird zur Sonderzone. Die dortigen Öl- und Gasunternehmen sollen künftig dreißig Prozent ihrer Förderung zum freien Verkauf im In- und Ausland einbehalten dürfen. Die restlichen siebzig Prozent müssen weiter an den Staat geliefert werden. Doch den Preis dafür setzt Jelzin im Pakt mit den „Scheichs von Tjumen“ drastisch herauf. Die neun föderationswilligen Sowjetrepubliken, die den „Neun-plus-eins“-Kompromiß über den neuen Unionsvertrag unterschrieben haben, müssen statt 60 Rubel pro Tonne jetzt gut 200 Rubel zahlen. Die sechs abtrünnigen Republiken werden, wie Jelzin in Westsibirien knallhart versicherte, nur noch zum Weltmarktpreis (rund 130 Dollar) beliefert.

Nach dem heutigen kommerziellen Kurs wäre das eine fünffache Verteuerung. Da die Republiken aber ohnehin nicht über Devisen verfügen, werden sie nach dem bisher mit Osteuropa, Finnland und Indien praktizierten Clearing-Verfahren Rußlands Öllieferungen mit Gegenleistungen begleichen. Doch im Gegensatz zu Finnland können sie kaum mehr als Lebensmittel bieten – eben jene Produkte, die sie in letzter Zeit den russischen Großstädten und Industriezentren, Ölarbeitern und Bergleuten immer häufiger vorenthalten hatten. Für die abtrünnigen Republiken stellt sich damit eine veränderte Kosten-Nutzen-Rechnung: Die neue ökonomische Bedrohung könnte sich als realer erweisen als die alte militärisch-imperiale.