Von Rüdiger Schmitz-Normann

Reden wir vom deutschen Film. Reden wir von Heiko Schier. Das eine wäre wenig sinnvoll ohne das andere. Schier zeigt einen möglichen Weg aus dem Jammertal: intelligente Filme über Deutschland, genau, unterhaltsam und ironisch, und vor allem: leicht. Nichts von der Knöchernheit eines Böhm, von der Gesichtslosigkeit eines Schenkel, von der Obsessivität eines Herzog; nichts von der Kunstbeflissenheit Schwarzenbergers, von der Schulbuchmäßigkeit Vilsmaiers. Michael Klier macht Filme, die anders sind, Dominik Graf hat zwei inszeniert, Claude-Oliver Rudolph einen, und nun auch Schier. Sie alle zeigen, daß das Leben (auch) in Deutschland aufregend sein kann.

Heiko Schier macht Filme über Lebenswege: wie man wurde, was man ist, wie man sich in bestimmten Situationen entscheidet und wohin das führt. In seinen Filmen erfährt man etwas über Liebe, über Musik, über Zusammensein und Verlassenwerden und über Geld, und wie das alles zusammenwirkt und „die Welt“ ergibt. In „Wer hat Angst vor Rot Gelb Blau“ erzählt der Filmemacher Schier von der Malerei. Er hat sich in der Szene umgehört, Einblick genommen in eine Welt, die er nicht kannte, und gibt nun weiter, was er erfahren hat – manchmal einsichtig, manchmal überflüssig, immer mit wunderbar leichten Dialogen. „Haben Sie keine Angst?“ – „Doch. Aber ich zeige sie niemandem.“

Wege, die zusammenfinden, Geschichten, die sich kreuzen: Da ist Stargard (Gunter Berger), der Malerfürst, selbstgefällig, geistreich und arriviert, der in der Unterhose mit Museumsdirektoren verhandelt; da sind Banuscher und Müller, die zusammen in einer alten Garage wohnen, junge Maler am Anfang ihres Weges. Müller (Heiko Ferch) ist talentiert, aber weder bereit noch fähig, sich zu verkaufen. Banuscher (Max Tidof), hager und ernst, als Maler mittelmäßig, will dagegen Karriere machen, „berühmt werden wie ein Popstar“, wie es einmal heißt. Er ist mit Francis zusammen, der Frau, die Müller liebt. Am Tag seiner ersten Ausstellung wird Banuscher sie verlassen. „Ich muß noch mal neu anfangen“, sagt er. Er riskiert etwas, aber er ist engstirnig. Ein Stargard wird er nie werden.

Francis (Stephanie Philipp), das ernste Mädchen aus der Glühlampenfabrik, wird trauern, indem sie Banuschers Portrait von ihr (gemalt von Rainer Fetting) zerstört. Danach sehen wir sie mit Müller, wie sie an Zäunen und Mauern vorbeigehen und reden, er schiebt seine Vespa – der Beginn einer Liebe, die auf Freundschaft beruht. Es gibt einen rat- und sprachlosen Attentäter (Florian Martens), der ein Bild zerstört („Rot Gelb Blau“), weil es ihn zu zerstören droht, und den Galeristen von Seil (Peter Fitz): einen süffisanten Mephistopheles, der kommentiert und an den Fäden zieht. Es sind Menschen, denen man eine Zeitlang folgt, neugierig darauf, wie es weitergeht. „Dem Leben bei der Arbeit zuschauen“, hat Schier einmal über „Wedding“ gesagt, seinen ersten Spielfilm.

Der Düsseldorfer Heiko Schier, 37, hat sich über filmische Essays im „Kleinen Fernsehspiel“ an „Wedding“ (1989) herangetastet. Schier lebt seit 1974 in Berlin. Er mag die Großstadt, „das Irrenhaus, die Wildheit, das Abenteuer“. „Rot Gelb Blau“ ist ein Großstadtfilm, mit Bars am Nachmittag, Montagehallen, S-Bahn-Strecken, halbfertigen Hochhäusern: Nebenschauplätze, die die Handlung bestimmen; Nischen für Abenteurer. Sommer in der Stadt, wie in Thomes „Berlin Chamissoplatz“. Da ist Deutschland, in den Straßen, den Hinterhöfen, Häusern, Bäumen, den Gesten, den Worten: deutsches Denken, deutsches Fühlen.

Die Geschichte, die Schier erfunden hat, ist ein recht offensichtlicher Aufhänger – konstruiert, grundsätzlich, thesenhaft. „Rot Gelb Blau“ ist kein reiner Spielfilm, sondern Glosse, Essay, Kommentar; er ist nahe am Journalismus. Das Vergnügen, das er bereitet, ist die Freude darüber, so viele schöne und intelligente Dinge auf einmal zu hören, so viel kluge Ironie, die vor falscher Objektivität schützt. Idee und Drehbuch könnten von Erich Kästner sein.