Von Jerry Sommer

Moskau, im August

Dienstagmittag vor dem „Weißen Haus“ in Moskau, dem Sitz der Russischen Föderation und ihres Präsidenten Boris Jelzin: Die Verteidigung des Hoffnungsträgers haben alle Putschgegner für den Augenblick zu ihrer Hauptaufgabe erklärt. Über Nacht waren die Barrikaden verstärkt worden, auch durch Schützenpanzer und Panzer. Inzwischen ist allen Demonstranten klar: „Die sind auf unserer Seite.“ Die Soldaten werden mit Suppe, Getränken und Informationen versorgt, denn die meisten wissen immer noch nicht genau, worum es geht.

An den Panzern und Barrikaden vorbei strömen die Demonstranten auf den Platz hinter dem Parlamentsgebäude. Über-Mund-zu-Mund-Propaganda, einige Plakat-Anschläge an Metro-Stationen oder durch das Abhören von westlichen Sendern haben sie von der Kundgebung erfahren. Eine Frau neben mir ist aus der 450 Kilometer entfernten Stadt Nowgorod mit dem Zug angereist. Es sind sicherlich hunderttausend, die mittags hier versammelt sind. Die Menschen sehen zu Anfang der Kundgebung fragend, wenn nicht ratlos aus. Sie sind hierhergekommen, trotz des Ausnahmezustands, der über Moskau verhängt wurde, und des damit einhergehenden Verbotes aller Demonstrationen und Kundgebungen. Doch niemand versucht diese Junta-Beschlüsse umzusetzen.

Die Kundgebung ist nicht nur eine Protestaktion. Sie ist vor allem ein Informationsforum. Begeisterung kommt auf, als ein Sprecher berichtet, daß die Miliz, die Polizei sowie das KGB und das örtliche Militär in Leningrad – oder St. Petersburg, wie viele Demonstranten durch ihre Pfiffe den Sprecher zu sagen drängen – sich der Junta verweigert und dem örtlichen Stadtsowjet unterstellt haben. Informationen über erste Streiks von Bergarbeitern im Donbas und Kosnez werden ebenfalls heftig beklatscht.

Auch einfache Mitglieder der KPdSU nehmen an der Kundgebung teil – und klatschen, wenn „Nieder mit der KPdSU“ gerufen wird. Nach zwei Stunden, gegen 14 Uhr, ist die Stimmung wesentlich lockerer. Die Demonstranten spüren, daß sie nicht allein sind. Sie spüren Fortschritte auch in der Organisierung des Widerstandes. „Ab sofort sendet die Radiostation des Obersten Sowjets auf Mittelwelle 1500 Megahertz“, berichtet ein Sprecher unter dem Jubel der Massen. Auch die Moskonski Novosti, eine beliebte Zeitung der demokratischen Kräfte, ist mit einem kleinen Sonderdruck erschienen. Die Auflage ist sehr begrenzt, aber das Informationsmonopol der Junta scheint durchbrochen zu sein.

„Jelzin, Jelzin“-Rufe erschallen, als der russische Präsident nach zweieinhalb Stunden immer noch nicht aufgetreten ist. Er fordert den Rücktritt der Junta und erklärt kategorisch, daß alle Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden. Die Junta werde nicht obsiegen. Die Menge antwortet im Sprechchor: „Die Junta wird nicht durchkommen.“ Seine Aufforderung zum unbefristeten Generalstreik wiederholt Jelzin nicht – aus Zufall oder einer bewußten Einschätzung der Lage? Andere Redner fordern dazu auf, in den Betrieben Versammlungen durchzuführen und Streiks zu organisieren. Aber in Moskau selbst ist von großen Streikaktionen bis zum Abend nichts bekannt. Nach Jelzins Rede gehen viele, aber andere kommen hinzu. Eine Moskauerin, die wohl Ende Zwanzig sein muß, ist sehr zufrieden mit der Kundgebung. „Die Junta wird sich nur noch einige Tage halten können, dann ist es vorbei“, sagt sie. Diese Hoffnung haben viele. Andere aber meinen auch: „Die sind unberechenbar, vielleicht richten sie ein Blutbad an, um an der Macht zu bleiben.“