Von Uli Hauser

Ricky schwitzt, Ricky fleht, Ricky brüllt. Er hat sich in einen alten Skianzug gezwängt, die Schneebrille ist beschlagen. Auf Langlaufskiern stampft der Animateur zum Strand, vorbei an Sonnencremes und schnarchenden Aktivurlaubern. Alle mal herhören: In zwanzig Minuten beginnen die Poolspiele, das große Beckenspektakel im Club Paradiso. Ricky schreit sich die Kehle heiser, einige Gäste kramen unter der Badematte nach der Kamera. Ein verrücktes Motiv, bunter Vogel vor blauem Himmel, und das in Thermohose. Heinz aus Hamburg ist begeistert, Helga aus Hannover dreht sich genervt auf die andere Seite. Ihr reicht’s, daß die Bar-Lautsprecher den halben Strand beschallen. Mittagspause ist jetzt, basta.

Clown Ricky, der charmante Schreihals, beklagt nach der gewagten Kampagne den mäßigen Erfolg. Ein paar Urlauber tropfen mit ihm hin zum Pool und wollen im warmen Wasser nach Löffeln tauchen. Nur 10 von 500 zahlenden Gästen, ein Trauerspiel. Beim Sandburgenbauen in der Vorwoche waren es noch 25 Hospitanten, die Ricky re-animieren konnte. Von wegen, im Club ist immer etwas los.

Ricky, mittlerweile eingetaucht in ein rotweißgestreiftes Ringelhemdchen, läßt sich den Reinfall nicht anmerken. Die Welt ist schön, die Sonne knallt. Der Zeremonienmeister moderiert am Beckenrand den Wettstreit unter Wasser, über den Verstärker wird auch Helga aus Hannover, zu ihrer Freude, glänzend informiert. Eine halbe Stunde plätschert der Spaß dahin, bis endlich der letzte den Löffel abgegeben hat. Ein kurzer Applaus, dann ab an die Bar. Wer mit Ricky spielt, wird belohnt. Mit Fruchtsaft. Aber heute, aus Dankbarkeit, gibt’s Schampus. Zicke zacke, hoi hoi hoi. Der gute Gast läßt seinen Animateur nicht im Stich. Zwei Stunden später, nach Löffeltauchen, Tontaubenschießen, Bingo, Theaterprobe, Small Talk und Backgammonturnier, wird Ricky melancholisch. Früher seien noch hundert Leute in den Pool gesprungen. Damals war er der König der Muntermacher und die Gäste ein frohes Volk. Ricky steht im animationsfreien Raum, unter der Dusche. Auf dem Weg ins Abendprogramm. „Ich leiste Schwerstarbeit“, sinnt der lockerleichte Tausendsassa; nur zehn Typen beim Mittagsspekttkel, eine Katastrophe.

Kleine Krise vor dem Candlelight-Diner. Doch dem Frust bleiben nur zehn Minuten. Ricky stürmt frisch gefönt, rasiert und augenscheinlich gutgelaunt ins Restaurant und bittet zum Cocktail. Herzlich willkommen, ihr Lieben. Dankbare Gäste klopfen Mut auf breite Schultern.

Die Muntermacher sind müde geworden. Ricky ärgert, was ein Tourismusmanagei in einem Bericht zur Lage der Animation so beschreibt: „Das Publikum ist nur schwerlich bereit, an Animationsaktivitäten zu partizipieren. Eine Clubatmosphäre ist nur mit Schwierigkeiten herzustellen.“ In Tunesien und der Türkei, auf Fuerteventura und Kreta – die Nullbock-Generation der Dreißig- bis Fünfzigjährigen fällt in die Paradiese ein, um faul am Strand zu dösen. Lautstarkes Entertainment ist ihnen ein Greuel (geworden), sie fürchten sich vor spontan-geplanter Fröhlichkeit und Ringelpiez.

Die Animation steckt in der Krise, attestiert der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschovski. Er skizziert einen Trend zu „anspruchsvolleren Angeboten“, weg vom Anmach-Urlaub. „Action rund um die Uhr ist nicht mehr gefragt.“ Er sieht den Animateur „als Akteur“ im Hintergrund, weil die Urlauber sich „wieder selber unterhalten“. Harte Zeiten für Beschäftigungstherapeuten im Clownskostüm. Opaschowski verkündet die neue Selbständigkeit: „Wichtiger als Sport und Betriebsamkeit werden Kultur und Entspannung. Topfschlagen, Kreistanz und Firlefanz sind am Ende.“