Von Fredy Gsteiger

Zumindest einer freute sich ganz unverhohlen über den Putsch in Moskau: Saddam Hussein. In Extrablättern ließ der irakische Präsident den Untergang Gorbatschows und des „alten Regimes in Moskau“ bejubeln. Sein Sprecher begrüßte die „Wiederherstellung der korrekten internationalen Balance“. Dem Frohlocken aus Bagdad schlossen sich sogleich Libyens Revolutionsführer Ghaddafi und die PLO-Führung an. Jassir Arafat verteidigt wieder einmal seine Meisterschaft, stets aufs falsche Pferd zu setzen. Denn daß ihm ausgerechnet die Putschisten von der Moskwa den ersehnten Palästinenserstaat bescheren werden, ist gewiß nicht zu erwarten.

Saddam, Ghaddafi, Arafat – der nicht eben erlauchte Kreis der Claqueure macht deutlich, daß Gorbatschows Sturz für die Entwicklung im Nahen Osten wenig Gutes verheißt. Die gemäßigten Staaten der Region äußern Besorgnis: Die Monarchen am Persischen Golf sind empört, in Ägypten erklärt sich Präsident Mubarak persönlich für das Thema zuständig, und in Damaskus herrscht einstweilen eisiges Schweigen. Panik brach an der Börse von Tel Aviv aus. Israel bangt um die Millionen noch in der Sowjetunion lebenden Juden. Die angekündigte Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Staaten dürfte sich zumindest verzögern, wenn nicht gar zerschlagen.

Voller Zweckoptimismus sprechen die Versöhnungswilligen im Nahen Osten immer noch von Friedensverhandlungen wie vorgesehen im Oktober. Doch ernstlich rechnet kaum mehr jemand mit einem pünktlichen Beginn dieser Gespräche, die unter der gemeinsamen Schirmherrschaft der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion stattfinden sollen. Für Israel wird es nun ungleich schwieriger nachzugeben, nachdem der gute Wille eines der beiden Friedenspaten nicht länger gegeben ist. Zwar gilt die Sowjetunion nicht länger als echte Weltmacht, aber sie vermag noch immer jeden Fortschritt in ihrem Hinterhof, dem Nahen Osten, zu blockieren. Und die Rechtsextremen in Jerusalem werden sich jetzt mit neuer Verve dem Dialog entgegenstemmen.

Wichtige arabische Verhandlungspartner wie Syrien oder die Palästinenser werden ihrerseits weniger als bisher zu Zugeständnissen bereit sein. Sie werden vielmehr abwarten, ob ihnen die neue Situation in Moskau den Rücken stärkt und mehr verspricht, als sie auf der geplanten Konferenz erwirken könnten. Gorbatschow war es, der Syriens Präsident Assad den Traum vom militärischen Gleichziehen mit Israel ausgeredet hat. Noch vor wenigen Wochen lobte der sowjetische Außenminister Bessmertnych die amerikanischen Friedensbemühungen im Nahen Osten überschwenglich und kritisierte die Prawda die „Romanze der PLO mit Bagdad“ giftig: Arafat und seine Getreuen konnten dies nur als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, praktisch um jeden von ihnen geforderten Preis Vertreter an den grünen Tisch zu entsenden.

Dieser Druck wird erst einmal wegfallen. Zu den neuen Machthabern in Moskau zählen manche, die schon im Golfkrieg gegen den sowjetischamerikanischen Schulterschluß unter UN-Ägide quergeschossen haben. Hinter ihnen steht die sogenannte Arabistenliga, die sich seit Jahren gerade von radikalen arabischen Regimen hofieren (und bestechen) läßt, stehen aber auch Imperialismus-Nostalgiker, Rüstungslobbyisten und notorische Antisemiten.

Innenpolitisches Chaos ist keine ideale Basis für eine klare, ambitiöse Außenpolitik. Aber es spricht vieles dafür, daß die Moskauer Junta gerade und zuerst im Nahen Osten einen neuen Resonanzboden für eine weltpolitische Rolle suchen wird. Der sowjetische Ideologie-Export in die dem Kommunismus eigentlich ferne muslimische Welt mag nie sonderlich erfolgreich gewesen sein; der sowjetische Waffenexport indes lief immer flott und war einträglich. Auch wenn das Sowjetreich wirtschaftlich wenig zu bieten hat und als politisches Vorbild kaum beeindruckt, gibt es doch etliche arabische Potentaten, die alleweil bereit sind, mit geborgter Kraft in ihrer Region die Muskeln spielen zu lassen.

Die Sowjetunion hat in den vergangenen Jahrzehnten aus ihrer Unterstützung militanter arabischer Regime wenig Nutzen gezogen und zu Hause dafür keinen Beifall geerntet. Nichts spricht dafür, daß dies künftig anders wäre. Allein schon im ureigenen Interesse – mit Blick auf die besser gewordenen Beziehungen zu den reichen Golfstaaten, aber ganz besonders wegen der latenten Spannungen in den eigenen muslimischen Teilrepubliken im Süden der Sowjetunion – müßten auch die umstrittenen Sowjetherrscher bestrebt sein, den Nahen Osten zu befrieden. Aber nüchterne Überlegungen waren nie die Stärke totalitärer Kommißköpfe. Nur Stunden nach dem Putsch wandten sie sich ausgerechnet an Saddam Hussein – mit netten Worten: Auf ihre „freundschaftliche Unterstützung“ dürfe er künftig zählen.