Weniger doktrinär gestimmt als sonst, doch um so stärker menschlich-moralisch engagiert, hat der Papst fünf Tage lang Ungarn bereist. Zuletzt begegnete er auf dem Budapester Heldenplatz einer unerwartet großen Menschenmenge, die sein Wort zum Sturz Gorbatschows erwartete. Das päpstliche Gebet, Osteuropa möge „eine neue Tragödie erspart“ bleiben und Gorbatschows mit „ehrlichem Willen“ in Gang gesetzte Perestrojka nicht gestoppt werden, schien alle zu bewegen.

Der Papst war nach einem Abstecher in seine polnische Heimat zu den Ungarn gekommen, ermuntert durch mehr als eine Million nicht nur katholischer Jugendlicher aus ganz Europa, die sich in Tschenstochau versammelt hatten – unter ihnen Zehntausende aus der Sowjetunion, sogar Komsomolzen und Rotarmisten. Daß solche Signale gleichwohl noch keine Gewähr für die von ihm angestrebte „Neu-Evangelisierung“ Europas bieten, weiß Johannes Paul II. Deshalb suchte er in Ungarn auf politische wie kirchliche Konfliktherde einzuwirken, zumal er hier auch auf Vertreter anderer Nationen und Konfessionen traf.

„Wenn die Grenzen unverletzlich sind, muß dann nicht auch klargestellt werden, daß die Völker unantastbar sind?“ rief der Pontifex. Er unterstützte die „legitimen Anliegen“ von Kroaten und Ungarn in Rumänien, umarmte „die lieben Zigeuner-Brüder“, verurteilte den „da und dort“ aufkeimenden Antisemitismus und bekannte sich vor den Protestanten zur Revision gegenseitiger Zerrbilder. Die Bischöfe seiner Kirche in Ungarn warnte er vor nostalgischer Restauration; sie sollten bescheidener und laienfreundlicher auftreten „als jene prunkvollen auf dekorativen Ölgemälden“. Und für sich selbst gelobte er – nur halb im Scherz –: Tempora mutantur – die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen ... Hj. Ste.