UN-Generalsekretär Peréz de Cuéllar hegt Zuversicht, der Chef des syrischen Geheimdienstes im Libanon verspricht Gewißheit: „Die Frage ist nicht mehr, ob die Geiseln freigelassen werden, sondern wann sie freigelassen werden.“ Sein Wort in Allahs Ohr. Noch befinden sich fünf Amerikaner und fünf Westeuropäer in der Hand schiitischer Terrororganisationen.

Die internationalen diplomatischen Bemühungen um Freilassung aller Geiseln werden durch zwei Sonderprobleme erschwert: Israel vermißt im Libanon eine vierköpfige Panzerbesatzung, die von syrischen Truppen gefangengenommen wurde, und drei Soldaten, die 1986 im Südlibanon spurlos verschwanden. Sie sind wahrscheinlich der iranisch gesteuerten Hisbollah („Partei Gottes“) in die Hände gefallen. Die Israelis verlangen ein Lebenszeichen oder die Bestätigung des Todes dieser Männer und damit das offizielle Eingeständnis der Machthaber in Damaskus und Teheran für ihre Mitverantwortung.

Zwei der restlichen zehn westeuropäischen Geiseln sind Deutsche: Heinrich Strübing (49) und Thomas Kemptner (31), beide Mitarbeiter einer privaten, auch im Libanon tätigen Hilfsorganisation. Sie wurden im Mai 1989 in der Hafenstadt Sidon gekidnapt – einen Tag vor dem Urteilsspruch eines Frankfurter Schwurgerichts über den libanesischen Terroristen Mohammed Ali Hamadi wegen Entführung eines US-Verkehrsflugzeugs und Mordes an einem amerikanischen Bürger. Mohamed Hamadi verbüßt seither eine lebenslange Freiheitsstrafe im hessischen Schwalmstadt. Schon bald nach seiner Verhaftung hatte die Hisbollah den Hoechst-Angestellten Rudolf Cordes und den Siemens-Techniker Alfred Schmidt in Beirut entführt. Drahtzieher war der Hamadi-Bruder Abas. Auch er wurde in der Bundesrepublik gefaßt und 1988 wegen Geiselnahme und versuchter Erpressung der Bundesregierung zu dreizehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Cordes und Schmidt kamen nach langen Monaten Geiselhaft ohne Austausch gegen die Hamadi-Verbrecher frei.

Nun hat das Spiel aufs neue begonnen: Die Hamadi-Familie, deren dritter und ältester Sohn als Sicherheitschef der Hisbollah im Libanon agiert, hält Strübing und Kemptner in ihrer Gewalt und möchte ihre beiden jüngeren Söhne im Austausch gegen die Deutschen freibekommen. Die Öffentlichkeit und wohl auch der Außen- und der Justizminister wüßten dies nicht so genau, wenn es nicht der Botschafter des Iran in Bonn jüngst ganz offiziell im Deutschlandfunk verkündet und hinzugefügt hätte: Die Bundesregierung möge „Flexibilität“ zeigen und prüfen, „welchen Spielraum die Gesetze in Sachen Amnestie“ erlaubten.

Das ist nicht so einfach: Als Mohamed Hamadi bei uns festgenommen worden war, verlangten die Vereinigten Staaten seine Auslieferung. Die Bundesregierung weigerte sich – in Amerika wäre er zum Tode verurteilt worden –, versprach aber zugleich, ihn auch nicht auszutauschen. Im Fall Cordes/Schmidt hielt sie ihr Versprechen; die beiden Geiseln kamen dennoch frei, und zwar zu einer Zeit, da die Schutzmächte der libanesischen Kidnaper – Syrien und der Iran – ihre durch den Golfkrieg ausgelöste Hinwendung zum Westen noch nicht einmal erwogen hatten.

Sollte die Bundesregierung jetzt, wo es um die Ersatzgeiseln Kemptner und Strübing geht, ihre Zusage brechen? Nach innerstaatlichem Recht könnte sie es, wenn auch nicht per Gnadenerweis (dazu sitzen die Hamadi-Brüder noch nicht lange genug). Die Strafprozeßordnung hingegen erlaubt, „von der Vollstreckung einer Freiheitsstrafe abzusehen, wenn der Verurteilte-... ausgewiesen wird“. Damit ist freilich keine Entscheidung ad libitum gemeint, sondern sorgsames Abwägen. Die Familie Hamadi ist für ihren neuerlichen Erpressungsversuch auf das zumindest stillschweigende Einverständnis ihrer Schutzherren in Teheran angewiesen. Die aber werden sich, wenn wir sie nachdrücklich befragen, kaum dazu bekennen wollen.

Hans Schueler