Sommertagsträume in einem kleinen irischen Dorf, direkt an der Küste. Ein Junge und ein Mädchen, knapp unter Zwanzig; sie bummeln, sie reden, sie träumen. „Zu sehr Freunde, um sich zu lieben, zu verliebt, um nur Freunde zu sein, so leben sie in einer Zone des Dämmerlichts.“ Sie erfinden Geschichten: Jeden Fremden, dem sie begegnen, spinnen sie in ein anderes Abenteuer. Ihr Prinzip dabei: die Figuren freundlich zu gestalten. „Man darf sie nicht kränken.“

Eines Tages kommt Miss Baker in die kleine Stadt am Meer, blond, lasziv, Ende Dreißig. Sie trägt ein enges Kleid und eine dunkle Sonnenbrille, sogar wenn keine Sonne scheint. Das macht sie schon mysteriös genug. Dazu liest sie Cornell Woolrich: „The Night Has A Thousand Eyes“. Der Junge hält sie für eine Französin von der Côte d’Azur, die ihrer dunklen Vergangenheit entfliehen will. Vielleicht habe sie einen Mord begangen, vielleicht eine Liebe verraten. Schließlich entpuppt sie sich als Amerikanerin, die bereits früher in Irland lebte. So beginnt ein ganz anderer Traum.

Der Junge verliebt sich in die blonde Frau. Er stellt ihr nach, bringt ihr Blumen, trägt ihre Sonnenbrille selbst im Regen. Er hat nur noch im Kopf, sie zu verführen; wofür er sogar Gott anruft und eine Altarkerze stiftet. Das Mädchen streunt um einen Zirkus? herum, der gerade in der Stadt gastiert, spielt mit den Tieren, flirtet mit dem jungen Pfleger eines Elefanten. Der Junge träumt von seiner Sirene in Blond. Doch sein Vater, Musiker und Säufer, mal vorwurfsvoll und aufbrausend, mal sentimental und wehleidig – sein Vater wird plötzlich hart und unnachgiebig. Er verbietet ihm jeden Kontakt zu dieser Frau. Was den Jungen nur noch sehnsüchtiger werden läßt. Die Leidenschaft des Jungen enthüllt sich als Liebe zu seiner Mutter, die er seit Jahren tot wähnte. So wird sein Traum zum Alptraum.

Neil Jordan spielt hier, wie schon in seinen frühen irischen Filmen „Angel“ und „Mona Lisa“, mit der oneirischen Kraft des Kinos. Die Träume, die er zeigt, wirken betont alltäglich. Doch der Alltag seiner jungen Helden ist auf wundersame Weise verzaubert und träumerisch verklärt. Jordan zeigt damit noch einmal: Das Abenteuerliche des Kinos ist, daß es zum Träumen verführt – und daß, auch wenn man aufwacht und die Augen aufschlägt, das Träumen andauert, nur nach innen gewendet.

Schließlich spitzt sich das Drama zu. Der Vater trinkt bereits während seines Auftritts. Miss Baker, die Mutter, weint. Das Mädchen schläft mit dem Tierpfleger, den sie zuvor bloß neckte. Und der Junge, verletzt und verwirrt, geht zur Kirche und droht den hölzernen Heiligen, er gehe nicht eher, als bis etwas Besonderes geschehen sei. „Wunder geschehen immer unerwartet.“ Plötzlich kommt ein Elefant in die Kirche. Affen klettern über die Uferpromenade. Zebras tollen herum. Löwen und Kamele rennen die Straße entlang. Der kurze Augenblick der Tollheit, ein Triumph des Mädchens, wird als Moment utopischen Tohuwabohus gefeiert. „Siehst du, ich hatte einen großen Plan.“

Am Ende ist alles wieder wie zuvor: Der Vater trinkt weiter zuviel. Die Mutter fährt aufs neue davon. Der Junge und das Mädchen bummeln, reden, träumen. Schuld ist Gott. „Aber der ist nie da.“ Und der Elefant? „Der hatte mit all dem nichts zu tun.“ Norbert Grob