Von Iris Radisch

Winter 1990 – Frankreich rüstet sich für den Golfkrieg. Vom Militärflughafen Villacoublay hört man das Donnern der startenden Bomber, „gleich hinter dem Hügelwald, sich verdichtend von Tag zu Tag, mit dem heranrückenden Krieg“. Der Lärm hinter den Hügeln ist dem Dichter Peter Handke einen ganzen Satz wert, einen einzigen – in seinem „Versuch über den geglückten Tag“, einem „Wintertagtraum“.

Im Winter geht der Dichter spazieren. In die Weinberge, um dort Shakespeares „Wintermärchen“ zu lesen. Seine Übersetzung des Schauspiels widmet er dem „Weinberg von Suresnes, oberhalb von Paris, wo mir, als ich da in der Stille saß und las, ‚The Winter’s Tale‘ in deutsch nicht mehr so unmöglich erschien wie zuvor“.

Winter 1990 – als die Bomber aufstiegen und der Dichter saß und las.

Im Sommer 1990 trägt ein Pariser Vorortzug den Schriftsteller Handke auf der Höhe von Suresnes in einem weiten Bogen aus der „Tagesklemme“ heraus. Das bringt ihn auf die Idee vom geglückten Tag, versetzt ihn in den „Schwung, der heiß macht, sich zusätzlich an einer Beschreibung oder Aufzählung, oder Erzählung der Elemente und Probleme solch eines Tages zu versuchen“. Wenn der Versuch glückt, denkt er, könne er das Buch auch „Märchen des geglückten Tages“ nennen. Nicht nur Wintertagtraum, wie es im Untertitel heißt, nein: Wintermärchen des geglückten Tages.

Bald darauf begegnet ihm der Bogen von Suresnes noch einmal. Auf dem Bild „Der Maler und sein Mops“ von William Hogarth in der Londoner Tate Gallery entdeckt er einen krummen Strich, den man – wäre er nicht beschriftet – angesichts der abgründigen Mopsaugen und der verloren ins Bild hängenden Mopszunge leicht übersehen würde. „The Line of Beauty and Grace“, die Linie der Schönheit und der Anmut, ist unter dem Strich auf der umgedrehten Palette zu lesen.

Die Leere zwischen dem nichtssagenden Strich und den vielversprechenden Worten – zwischen der Kurve bei Suresnes und der Idee vom Glück – verlangt eine Erklärung. Hogarth und Handke mußten ein Buch schreiben, um ihre Embleme zu entschlüsseln. Einen Essay der eine, einen „Versuch“ der andere.